Wortlaut der Rede von Andreas Mölzer beim Totengedenken des Wiener Korporationsrings

Wien (OTS) - Kommilitonen, Verbandsbrüder, meine Damen und Herren! Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des großen Krieges in Europa, also nach nahezu einem ganzen Menschenalter und in einer Zeit, in der jene Generation, die das Grauen des Krieges erlebt und erlitten hat, nahezu abgetreten ist, ist so etwas wie eine Historisierung des großen Völkerringens, das zwischen 1914 und 1945 stattgefunden hat, im Gange.

Für uns, versehen mit der sprichwörtlichen Gnade der späten Geburt, stünden an sich Fragen von Schuld und Sühne, wer Täter und wer Opfer war, längst nicht mehr im Mittelpunkt der Betrachtung, wenn dies nicht von einer zunehmend dogmatischen Geschichtspolitik maßgeblicher politisch korrekter Kräfte immer wieder aufgezwungen würde. Historisierung bedeutet aber nicht vergessen, sondern gewissermaßen objektivierte Betrachtung des geschichtlichen Geschehens, teilnehmendes Erinnern für das von allen gleichermaßen erlebte Leid, für die Tragödie insgesamt. Solche Historisierung läßt einen von heftigen Emotionen befreiten Blick zu. Sowohl auf die Verbrechen, die im Namen des eigenen Volkes, des deutschen nämlich, geschahen, als auch auf jene Verbrechen, die an Deutschen verübt wurden. Und ein solch gewissermaßen objektiviertes Geschichtsbewußtsein verlangt nicht nur Betroffenheit über das Leid der Opfer des Nationalsozialismus, es erlaubt uns selbstverständlich auch Trauer über die eigenen Tragödien. Trauern über unsere in zwei Weltkriegen gefallenen Väter und Großväter, Trauer über jene, die in Kriegsgefangenschaft umkamen. Trauer für die Opfer des alliierten Bombenkrieges und Trauer über unsere, bei der Vertreibung aus dem Osten umgekommenen volksdeutschen Brüder.

Am Jahrestag des Kriegsendes ist es keineswegs die Überwindung des damaligen totalitären Regimes, die wir betrauerten. Nein, es ist die Tragödie von Millionen Menschen des eigenen Volkes. Und diese Trauer, - Kommilitonen, Verbandsbrüder - diese Trauer lassen wir uns von niemand nehmen. Nicht von den politisch-korrekten Heuchlern aus den etablierten Medien und nicht von irgendwelchen demonstrierenden Chaoten auf der Straße, diese Trauer ist unser gutes, unser unveräußerliches Recht, unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Dieser Weltkrieg, der da vor mehr als sechzig Jahren in den frühen Maitagen zu Ende ging, war - gerade aus dem Blickwinkel der Historisierung - nicht zuletzt ein europäischer Bruderkrieg und damit auch so etwas wie ein europäischer Bürgerkrieg. Und wie das bei Bürgerkriegen so ist, wenn engste Verwandte, Nachbarn aufeinander losgehen, ist der Haß und der gegenseitige Vernichtungswille besonders groß.

Im Artilleriefeuer von Verdun, auf den Schlachtfeldern bei Tannenberg, am Isonzo und in den Schützengräben der galizischen Front ging im 1. Weltkrieg bekanntlich das alte monarchisch und feudal geprägte Europa unter. Jenes Europa, das im 19. Jahrhundert über den Kolonialismus und Imperialismus so etwas wie die globale Herrschaft angetreten hatte. Zerrissen zwar, einander immer wieder befehdend, aber doch in Form des europäischen Gleichgewichts, in Form des Konzerts der europäischen Mächte, so etwas wie eine lose Einheit bildend.

Dieses Europa verfiel und verblutete in den Grabenkämpfen des 1. Weltkriegs. Und es hatte sich schließlich als Folge des 2. Weltkriegs den hegemonialen Ansprüchen zweier außereuropäischer Mächte, im Osten der Sowjetunion, im Westen der US-Amerikaner, zu unterwerfen. Europa und in der Mitte Deutschland, das war nach 1945 eine vom Krieg zerstörte Wüstenei und nur mehr das Aufmarschgelände zweier einander waffenstarrend gegenüberstehenden Militärblöcke. Im Kalten Krieg bald das potentielle Schlachtfeld eines Nuklearkriegs zwischen den Supermächten. Die Vielfalt der europäischen Völker, die europäischen Hochkulturen, geschweige denn die nationalen Interessen dieser europäischen Völker waren der Machtpolitik der beiden Supermächte unterworfen. Ein Zustand, der Europa völlig der Willkür fremder Mächte auslieferte.

Wenn wir heute, nahezu ein Menschalter nach dem Ende des europäischen Völkerringens, eine Lehre aus dem Geschehen ziehen müssen, wenn wir eine Verpflichtung für die Zukunft haben, dann diese, daß die Völker Europas einander niemals wieder waffenstarrend und haßerfüllt gegenüber stehen sollen. Daß sich die Söhne dieser Völker niemals wieder gegenseitig hinmetzeln. Und wenn wir heute, in einem Heldengedenken, wie wir es nennen, uns eben jener erinnern, die im Feldgrau der Deutschen Wehrmacht ihr Leben ließen, dann erinnern wir uns genauso all jener Soldaten anderer Armeen, die schuldlos und guten Glaubens in diesem Völkerringen starben. Das uns heute so pathetisch anmutende Wort "Held", galt in diesem Völkerringen eben den Söhnen der europäischen Nationen, die guten Glaubens für ihr Vaterland gefallen sind. Und all diese gefallenen Söhne der europäischen Völker - hüben wie drüben - sie gelten ihren Nationen bis zum heutigen Tag mit Recht als Helden.

Erst unlängst habe ich auf einem französischen Kriegerdenkmal an der Festung der Hafeneinfahrt von Marseille den Spruch gelesen "pour nos morts" - "Für unsere Toten, die in dunklen Zeiten die Ehre Frankreichs retteten und in glücklichen Tagen seinen Ruhm vermehrten, ohne je an ihrem Geschick zu verzweifeln" - sans jemais desesperer de son destin. Und am Kriegerdenkmal der Kärntner Stadt Villach, nächst der ich lebe, steht bis zum heutigen Tage in Stein gemeißelt: "Den Söhnen dieser Stadt, die für Heimat und Deutschtum ruhmwürdigen Todes starben". So sprechen Patrioten über ihre Gefallenen.

Wir, Kommilitonen und Verbandsbrüder, wir treten heute, mehr als sechs Jahrzehnte später gegen einen Zeitgeist an, der das Heldentum dieser Gefallenen in den Schmutz treten will. Wir tun dies nicht, um den Krieg zu heroisieren. Und schon gar nicht, um längst überwundenen menschenverachtenden Ideologien nachzutrauern. Nein, wir tun dies, weil der Patriotismus und die Opferbereitschaft dieser Gefallenen die Grundfesten für ein Europa der freien Völker, für ein Europa der Vaterländer in der Zukunft darstellen.

Die europäische Integration der vergangenen Jahrzehnte, meine Damen und Herren, wird gemeinhin als großes Friedensprojekt gepriesen und das durchaus mit Recht. Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende und bald zwei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des menschenverachtenden Sowjetkommunismus, herrscht in Europa Frieden und - im Vergleich zu anderen Weltteilen - auch Freiheit und Wohlstand. Dies kann aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß sich diese europäische Integration in Form der real existierenden Europäischen Union gegenwärtig in einer Sackgasse befindet. Die Lobbyisten der multinationalen Konzerne mit ihren schamlosen Geschäftsinteressen, wild gewordene EU-Bürokraten im Taumel eines ungezügelten Reglementierungswahns und linke Multikulti-Apostel, angetrieben von nationalem Selbsthaß und politischem Masochismus, drohen aus dem großen Gedanken der europäischen Einigung so etwas wie einen postmodernen Völkerkerker, wenn nicht gar ein Völkergrab zu machen. Ungebremste Massenzuwanderung, die Kinderlosigkeit, die Überalterung der europäischen Völker selbst, der ungebremste Verlust von Arbeitsplätzen durch die Globalisierung und der damit einhergehende Zusammenbruch der europäischen Sozialsysteme sind zum Kennzeichen des gegenwärtigen EU-Europas geworden. Gepaart mit völliger Ohnmacht in militärischer und machtpolitischer Hinsicht.

Nur eine radikale Umkehr, eine Reform an Haupt und Gliedern, können den europäischen Gedanken noch retten. So etwas wie eine europäische Einheit in der nationalen Vielfalt, die Schaffung eines europäischen Freiheits- und Friedensverbandes, welcher der gleichzeitigen Bewahrung und fruchtbaren Fortentwicklung der europäischen Volksidentitäten und der europäischen nationalen Kulturen dient, das ist der Auftrag, den wir aus dem Opfertod der Söhne der europäischen Völker zwischen 1914 und 1945 erhalten haben.

Diesen Auftrag aber werden wir nur erfüllen können, wenn wir mit einem neuen Selbstbewußtsein und einer neuen europäischen Brüderlichkeit einerseits, im Inneren dieses zukünftigen Europas möglichst viel an Souveränität der Mitgliedsstaaten erhalten, möglichst viel Föderalismus und Subsidiarität praktizieren, das Eigenleben der nationalen Kulturen um jeden Preis erhalten und fördern; wenn wir aber andererseits nach außen hin gemeinsam Stärke und Mut zur Macht entwickeln. Nur dann nämlich werden wir in dieser komplizierten und chaotischen Welt die Interessen der europäischen Völker behaupten können. Jedes der europäischen Völker ist alleine zu schwach, um sich gegen den Supermacht-Anspruch der Amerikaner zu behaupten, oder gegen die offensive islamische Welt, gegen den Wirtschaftsimperialismus Chinas, oder die Kräfte des Chaos, die aus der Dritten Welt auf uns einströmen.

Nur ein nach Außen einiges und starkes Europa, das nach Innen Vielfalt und nationalen Pluralismus zu pflegen vermag, ein Europa der Vaterländer eben, der freien und selbstbewußten Völker, wird diese Aufgaben bewältigen können. Ein Europa, das sich seiner leidvollen Geschichte bewußt ist, das sich der heroischen Opfer vergangener Tragödien, auch der europäischen Bruderkriege sehr wohl entsinnt, um daraus die Lehren für die gemeinsame Zukunft zu ziehen. Völker die ihre Geschichte nicht kennen sind dazu verurteilt, sie neuerlich zu durchleiden, sagt uns der Philosoph. Wir kennen unsere Geschichte und wir bekennen uns auch zu ihr. Zu ihren Höhen und Tiefen, um daraus für unsere österreichische Heimat, für den deutschen Kulturkreis und für Europa die Lehren zu ziehen. In der Hoffnung auf eine damit zu gewinnende glückliche Zukunft mit gleichzeitiger Trauer über die Tragödien der Vergangenheit verneigen wir uns daher in Ehrfurcht vor den Toten.
Schluß

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