"Die Presse" Leitartikel: "Das Drama des begabten Schauspielers" (von Norbert Mayer)

Ausgabe vom 8.5.2006

Wien (OTS) - In Wien ist es Mode geworden, Mimen große Häuser anzuvertrauen. Demnächst auch die Volksoper?
Sie halten sich für einen hervorragenden Manager? Können mit Leidensdruck umgehen? Suchen eine neue Herausforderung? Dann hätten wir was für Sie. Die Rahmenbedingungen: Täglich müssen Sie mehr als tausend Besucher vom Kauf einer Eintrittskarte überzeugen, damit aus eigener Kraft rund ein Viertel der Kosten eingespielt wird. Das ist eine international mehr als respektable Eigenmittelquote. Den Rest zahlt der Bund. Sie kriegen dafür ein renovierungsbedürftiges Haus am Gürtel, ein ausgezeichnetes Orchester und eine Menge weiterer Arbeitnehmer, die sich für stark unterbezahlt halten.
Ihr Vorgänger hat entnervt aufgegeben, weil er sich vom Ministerium, von dem das ganze Unternehmen zum Großteil finanziert wird, nicht ausreichend unterstützt fühlte. So wie Ihr Vorvorgänger. Die Abgänge sind am besten mit dem Wort Panik zu beschreiben. Quote ist heute eben alles.
Ach ja, das Wichtigste: Die Vorbereitungsphase für Ihren Job beträgt 15 Monate. Experten sagen, dass mindestens die doppelte Zeit nötig sei, um eine Überlebenschance zu haben. Wenn Sie dann im Herbst 2007 bei Ihrer ersten Saisoneröffnung in der Loge sitzen, werden Sie von Dutzenden Mitbewerbern beobachtet, die bereits sicher wissen und das auch halböffentlich sagen, warum Sie gescheitert sind.
In den kommenden Tagen oder Wochen soll von Kunststaatssekretär Franz Morak darüber entschieden werden, wer Rudolf Berger als Direktor der Volksoper nachfolgen soll. Das wird auch Zeit, denn wer vorgibt, dass er doch noch eine vernünftige Planung der Saison 2007/2008 zustande bringt, muss entweder ein Profi vom Format des Staatsoperndirektors Ioan Holender sein oder eine Person, die sich in Selbstüberschätzung von der Politik in ein Himmelfahrtskommando treiben lässt.
Die Volksoper, das zweitgrößte Opernhaus Österreichs, hat eine arge Krisenzeit hinter sich: Direktor Berger war im Vorjahr mit den Rahmenbedingungen so unzufrieden, dass er seinen Vertrag frühzeitig gelöst hat. Berger bringt zwar nach einer schwachen zweiten Saison einen erfreulichen Zwischenstand in der dritten (die Auslastung beträgt 78 Prozent, es gibt heuer im Vergleich zum Vorjahr ein Einnahmenplus von 500.000 Euro), doch er fühlte sich von der Politik offenbar derart grob im Stich gelassen, dass er die Tätigkeit als Konsulent in der Schweiz der Bürde in Wien vorzieht. Denn hierzulande werden die Bedingungen ständig schwieriger. Die Vereinigten Bühnen Wiens haben mit viel Geld ein drittes Opernhaus eingerichtet - das Theater an der Wien. Und die Verteilung der Mittel für die Bundestheater ist aus der Perspektive der Volksoper wirklich nicht gerecht. 33,5 Millionen Euro erhält die Volksoper vom Bund, das Burgtheater 43,7 Millionen, die Staatsoper 51,4 Millionen.
Für die Volksoper ist das derzeit um ca. zwei Millionen Euro zu wenig. Die Regierung hat die Ausgaben für ihre großen Bühnen seit 1999 gedeckelt, trotz steigender Personalkosten. Das bedeutet, dass die Manager immer mehr Eigenmittel beschaffen und zugleich auch ihren Sparkurs fortsetzen müssen. Hervorragend kommt damit bisher der Staatsoperndirektor zurecht. Burgtheater-Direktor Klaus Bachler, der ein ausgezeichnetes Programm bietet und dessen Theater in Wien praktisch konkurrenzlos an der Spitze steht, kann ohne Hilfe der Bundestheater-Holding längst nicht mehr positiv bilanzieren.
Bei der Volksoper kommen zu den Finanz- auch noch die Imageprobleme dazu. Ein Konzept des Bundes ist nicht wirklich erkennbar. Zumindest aber hat Morak unlängst versichert, dass das Haus am Gürtel eigenständig geführt werden soll, dass es nach der Ära Holender - man spricht voreilig von 2010 - nicht zu einer Fusion der zwei Opern kommen soll, wie das bereits unter Waechter/Holender war. Das gibt dem neuen Chef, der neuen Chefin der Volksoper zumindest eine Perspektive, wenn auch eine beschränkte.

Wer also wird das sein? Jüngsten Gerüchten zufolge soll Burgschauspieler Morak daran denken, den Burgschauspieler Robert Meyer als Direktor der Volksoper zu installieren. Das ist kühn, selbst wenn es in Wien im Trend liegt, Mimen ohne viel Management-Erfahrung mit dem Führen großer Häuser zu betrauen. Im Volkstheater leistet Michael Schottenberg mit mäßigem Erfolg seine Lehrjahre, in der Josefstadt wird bald Herbert Föttinger den Grundkurs Theaterdirektor belegen. Warum also nicht ein Herr Meyer? Wenigstens sind dann in Wien spannende Pressekonferenzen, wenn schon nicht erfolgreiche Bilanzen garantiert. Großes Theater: Gelernte Tragöden werden uns davon überzeugen, wie groß ihr Leid, wie böse der Bund, wie ungerecht die Welt sei.

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