"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Schiefe Optik" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 08.05.2006

Wien (OTS) - Mit seinen Antworten hat SP-Chef Alfred Gusenbauer in der gestrigen ORF-"Pressestunde" besser abgeschnitten als optisch. Dass er sich alle paar Minuten die Schweißperlen von Oberlippe und Stirn wischen musste, sagt viel über die Belastung, der SPÖ und Gewerkschaft derzeit ausgesetzt sind.
In anderen Ländern entscheiden solche Schweißausbrüche mitunter über Sieg oder Niederlage bei Wahlen. In Österreich ist man milder. Trotzdem ist die Optik nicht zu unterschätzen. Das zeigt sich auch an den Diskussionen rund um den Bawag-Skandal. Dass die Vorwürfe sich zu einem Gutteil auf die Penthouses des früheren Gewerkschaftspräsidenten und zweier Bawag-Generaldirektoren konzentrieren, ist allerdings mehr als scheinheilig.
Die schiefe Optik rund um die Wohnverhältnisse der drei Herren war von Anfang an bekannt. Die SPÖ übte sich gegenüber den mächtigen Partei- und Wirtschaftsbonzen aber in nobler Zurückhaltung.
Erst jetzt, da sie gefallen sind, reibt sich alles an den politischen Eichen. Heute prangern von SP-Chef Gusenbauer abwärts zahlreiche Funktionäre die "katastrophale Optik" an. Um als Moralapostel wirklich glaubwürdig zu sein, haben sie alle aber viel zu lange geschwiegen. Klärende Worte und genaue Prüfung der Geschäftsgebarung der Gewerkschaftsbank hätten Gusenbauer viele jener Schweißperlen erspart, die er sich gestern so zahlreich aus dem Gesicht wischen musste.

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