"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ortega statt Elsner" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 07.05.2006

Graz (OTS) - Mehr als eineinhalb Millionen Österreicher haben Freitagnacht vor den Fernsehgeräten Menschen beim Tanzen zugeschaut, die weder als besonders wichtig noch als besonders bedeutsam gelten. So eine kollektive Auszeit nimmt die Nation sonst nur, wenn sie ihren Humor auf eine harte Probe stellt (Villach) oder ihren patriotischen Stolz auslebt (Hahnenkamm).

Was also ist passiert? Eine Erklärung könnte sein, dass viele Bürger von den jüngsten Exzessen der politischen Wirklichkeit derart angewidert sind, dass sie in eine Art Gegenwirklichkeit flüchteten, in die heile Welt der Etikette, des guten Benehmens. Ein Entlastungsschub quasi. Wenn diese vulgärpsychologische Annahme zutrifft, hätte der ORF seine Rekordquote indirekt den Herren Elsner und Flöttl zu danken.

Ein zweiter Grund für den Massenerfolg hat mit den Darstellern zu tun: Die Stars sind keine. Man hat bewusst Sekundärprominenz aufs Parkett geholt, um sie durch die Show zu Primärprominenz zu veredeln.

Menschen, die zwar bekannt sind, aber nicht entrückt, und daher fassbar. Die ihre Unsicherheiten und Ängste zeigen durften und daher Identifikationsfläche boten. Die nicht einem genormten Schönheitsideal gehorchen mussten, und dann besonders akklamiert wurden, wenn sie sich diesem Ideal selbstbewusst verweigerten (Marika Lichter).

Die an sich banale Show hat die Sehnsucht nach "echten Menschen" gekonnt bedient, das hat Manuel Ortega, der Don Juan aus Oberösterreich, richtig angemerkt. Er und seine Partnerin prägten den Erotik-Faktor. Er blieb angedeutet, das machte seinen Reiz aus.

Wenn im entsicherten Leben der Postmoderne alle Gewissheiten zerbröseln, in den Beziehungen wie im Beruf, suchen die Menschen Halt in der guten alten Konvention, in der verbindlichen Form. Das mag die Renaissance des Biedermeier erklären. Das schimmerte in der Show durch, und zwar ideologisch völlig unbedenklich. Die Werte, die die Darsteller verkörperten, sind gegenwartstauglich: die Multikulturalität; das selbstlose Eintreten der Stärkeren, der Profis, für die Schwächeren; der Familiensinn (Ortega); und: das Ethos der Arbeit, die am Ende belohnt wird (Goldberger). Anfangs steif wie nach einem Absprung, lehrte die Bausbacke, dass eigene Begrenztheit überwindbar ist, eine hübsche Story.

So gesehen waren sie alle Vor-Bilder. Tausende stürmen seither die Tanzschulen. Was man dort lernt, ist Zivilisationsgut. Mit etwas Großzügigkeit könnte man daher die These riskieren, dass der ORF mit dieser fabelhaft kopierten Unterhaltungssendung unabsichtlich den Bildungsauftrag erfüllt hat.****

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