Gusenbauer zu NS-Opfer-Gedenktag: Geschichte aufarbeiten und sich Herausforderungen der heutigen Zeit stellen

Wien (SK) - "Wir müssen an einer Gesellschaft arbeiten, in der jeder Achtung vor sich selbst, und damit auch Achtung vor dem anderen haben kann und in der jeder einen sinnvollen Platz einnimmt", betonte SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer am Donnerstag anlässlich des Gedenkens an die NS-Opfer im Parlament. "Unsere Verantwortung ist nicht nur in der Aufarbeitung der Geschichte, sondern in der Wahrnehmung der Herausforderungen der heutigen Zeit", sagte Gusenbauer. Den besten Beitrag zum Gedenken könne man dann leisten, so Gusenbauer, wenn man sich an das Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker in seiner Rede vom 8. Mai 1985 halte: "Ehren wir die Freiheit, arbeiten wir für den Frieden, halten wir uns an das Recht und dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit". ****

"Bleiern liegt die Geschichte über Österreich, das ist auch in der heutigen Gedenkstunde nach wie vor spürbar", betonte Gusenbauer. Bleiern liege die Geschichte aber auch über vielen anderen Staaten der Erde und Europas, die sich mit der Frage des Erinnerns und Vergessens und mit der Frage des individuellen und kollektiven Verdrängens beschäftigen müssten. "Es ist in der Zwischenzeit ein unbestrittenes Faktum, dass ein Großteil der Geschichte - auch der Zweiten Republik - dem Verschweigen und dem Verdrängen gewidmet war."

Die besten österreichischen Literaten seien wahrscheinlich die einzigen gewesen, die sich mit großer Präzision und Ernsthaftigkeit dem Phänomen des Verschweigens gewidmet hätten, so Gusenbauer. Am Präzisesten habe das Verschweigen Elias Canetti in einer Textstelle aus dem Jahr 1960 in seinem Hauptwerk "Masse und Macht", als er über die Reaktion des NS-Täters geschrieben hat, beschrieben: "Es ist bekannt, dass Menschen, die unter Befehl handeln, der furchtbarsten Taten fähig sind. Wenn die Befehlsquelle verschüttet ist, und man sie zwingt, auf ihre Taten zurückzublicken, erkennen sie sich selber nicht".

Viele der Täter seien in der Geschichte der Zweiten Republik, so etwas wie "tadellose Demokraten" geworden, die auch am Wiederaufbau der Zweiten Republik mitgearbeitet hätten, sagte Gusenbauer. "Trotzdem hat man den Eindruck, dass mit dem Verdrängen und dem Versuch des Vergessens die staatliche Befreiung Österreichs am Ende nur eine halbe Befreiung gewesen ist", unterstrich der SPÖ-Vorsitzende.

Er, Gusenbauer, sei persönlich außerordentlich glücklich darüber, was in den letzten 20 Jahren geschehe. Er verwies auf die Aktivitäten von Franz Vranitzky, die Gedenkveranstaltungen, den Versöhnungsfonds und die "manchmal auch sehr schmerzhaften Aktivitäten zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte". "Ich empfinde das als eine nachholende moralische und geistige Befreiung Österreichs, bereit zu sein, sich der Vergangenheit zu stellen und daraus Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen", so Gusenbauer.

Die ehrliche Auseinandersetzung sei Voraussetzung für Verstehen und künftiges Handeln, sagte Gusenbauer. Er verwies auf steigende Gewalt, steigenden Rassismus und politischen Extremismus; Gewalt dringe vor bis in die europäischen Hauptstädte. "Wie begegnen wir dieser Gewalt, diesem Rassismus, und wo orten wir die Wurzeln?", fragte Gusenbauer. Im Wesentlichen gebe es zwei Dimensionen, mit denen es sich zu beschäftigen gelte: Erstens die Fragen der Toleranz, der Akzeptanz, des Miteinander und der Offenheit; zweitens dürfe man nicht unterschätzen, dass die Gesellschaften immer reicher werden, viele Menschen jedoch Angst um ihr Auskommen und die Zukunft ihrer Kinder hätten. "Diese materiellen Sorgen von Millionen Menschen in Europa und Abermillionen darüber hinausgehend, dürfen wir nicht als nebensächlich abtun, sondern müssen sie ernst nehmen, und dafür sorgen, dass alle am gesellschaftlichen Reichtum teilnehmen können", zeigte sich Gusenbauer überzeugt.

Fairness und gleiche Lebenschancen seien eine Frage von Anstand und Menschenwürde. Gusenbauer zeigte sich überzeugt davon, dass die schlimmsten Exzesse von Gewalt in Europa letztendlich die gleiche Wurzel haben: "Perspektivenlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und den subjektiven Eindruck vieler, dass sie keinen menschenwürdigen Platz in der Gesellschaft finden können". "Niemand kann man Patriotismus vorwerfen, im Gegenteil, Patrioten sind Menschen, die ihre Heimat, ihr Vater- oder Mutterland, lieben. Aber Nationalisten sind solche, die die Vater- oder Mutterländer der anderen verachten", zeigte Gusenbauer auf. (Schluss) sk

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