"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das atomare Riesenspielzeug für eine globale Apokalypse" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 26.04.2006

Graz (OTS) - Eigentlich müsste man jeden neuen Kernreaktor bejubeln. Löst er doch meistens einen alten ab, dessen Technologie in der Tat Schrecken erregend ist.

Außerdem: Im Normalfall ist Atomenergie die sauberste, sie verpestet keine Luft, sie verschmutzt kein Wasser, sie verschwendet keine enden wollenden Ressourcen. Und sie ist, so ketzerisch das klingt, statistisch gesehen relativ sicher.

Dennoch wird sie von einem Großteil der (informierten) Menschheit kategorisch abgelehnt. Und die Angst vor dem entfesselten Atom hat eine fast apokalyptische Dimension.

Dafür gibt es gute Gründe: Der Vorgang der so genannten Kernspaltung ist für technische Laien bis heute nicht wirklich nachvollziehbar. Nun wissen zwar auch die wenigsten, wie ein Laptop funktioniert, aber wenn ein solcher in Villach in Brand gerät, besteht in Helsinki keine Vergiftungsgefahr.

Womit wir bei der zweiten Eigenheit von atomarer Energiegewinnung wären: Anders als verseuchte Flüsse, anders als maritime Ölteppiche führt atomares Feuer zu einer Globalisierung des Unheils.

In Relation gesehen ist der Schaden für den Urheber am geringsten. Ganz im Gegenteil: Die gewaltige Konzernstruktur der Atom-Industrie verzeichnet ein eskaliertes Kraftwerk als kleine Bilanzdelle. Nahrungsmittelmultis, die ihre Produkte industriell unter Dach erzeugen, dürfen mit Zuwächsen rechnen, während Biogärtner und Weidebauern sofort zu den großen Verlierern zählen.

Dass die Gefahr mit menschlichen Sinnen erst wahrnehmbar wird, wenn die Samen des Todes längst gelegt sind, ist der unheimlichste Aspekt. Das evolutionär geprägte Raub- und Fluchttier Mensch kann mit einem solchen Angriff auf seine Existenz nicht umgehen.

Dazu kommt, dass das Verweichen der Strahlung Fristen hat, die jede Vorstellungskraft übersteigen. So beträgt die Halbwertszeit von Strontium 87 rund 48,8 Millionen Jahre.

Nuklearenergie ist ein Riesenspielzeug, das der Mensch in die Hand genommen hat, ohne es wirklich in der Hand zu haben.

Ärgerlich ist zudem, dass diese scheinbar unerschöpfliche Energie die Forschung nach anderen, zukunftssicheren Technologien lähmt.

Die Atomlobby selbst hat viel dazu beigetragen, die Angst zu schüren. Schon vor Tschernobyl war nach Unfällen in Harrisburg und Sellafield die Informationspolitik der Betreiber jener des Kreml ebenbürtig. Demokratie und öffentliche Geheimnisse vertragen einander aber nicht. - Deshalb wird diese Technologie noch lange nicht gesellschaftsfähig sein. ****

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