- 25.04.2006, 18:22:51
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DER STANDARD-Kommentar "Der fragile Sarkophag" von Gerfried Sperl
Auch 20 Jahre nach Tschernobyl ist die Atomkraft ein unbeherrschbares Phänomen
Wien (OTS) - Ist zu Tschernobyl nicht schon alles gesagt? Nein.
Die großen Kriege, die großen Verbrechen und die großen Katastrophen
bleiben in die Geschichte eingebrannt. Als Herausforderung für das
Gewissen der Völker, als Mahnung an die Nachgeborenen und als
Lehrbeispiel für politische Entscheidungen.
Der Super-GAU vom 26. April 1986 war die eigentliche Ursache für
den Zusammenbruch der Sowjetunion fünf Jahre später: So urteilt
einer, der es wissen muss. Michail Gorbatschow, einer der damals
Allmächtigen dieser Erde. Hunderte Male mehr Radioaktivität als in
Hiroshima und Nagasaki zusammen wurden in die Luft versprengt,
dreieinhalb Millionen Menschen wurden höchster Strahlung ausgesetzt,
bis heute sind allein 7000 jener Menschen gestorben, die damals
ungeschützt an den Aufräumungsarbeiten mitgewirkt haben. Insgesamt
ein hoher Preis für den Fall einer Massendiktatur.
Im Westen hat Tschernobyl den Aufstieg der grünen Bewegung
beschleunigt. Vor allem in Deutschland, wo sie als Regierungspartei
zusammen mit der SPD den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen
hat. Nach dem Willen der Christdemokraten soll genau das wieder
revidiert werden. Noch sträuben sich die Sozialdemokraten. Aber wie
lange?
Natürlich hat auch die Atomindustrie gelernt. In Finnland ist ein
Kraftwerk in Bau, das terroristische Attacken mit Großraumflugzeugen
überstehen würde (von den Passagieren redet niemand). Auch für
Temelín gilt, dass die Sicherungssysteme kleinere Attacken aushalten
- selbst für die weniger sicheren älteren Reaktoren rund um
Österreich nimmt man an, dass die GAU-Gefahr größer ist, als das
Terrorproblem. Aber wurde man nicht selbst vor Tschernobyl nicht müde
zu erklären, ein Unfall dieses Ausmaßes sei noch unwahrscheinlicher
als ein Lotto-Sechser? Für die sichere Entsorgung des Atommülls gibt
es noch immer keine Lösungen. Demonstranten gegen Zwischenlager und
Atomtransporte sind keine Spinner, sondern Mahner.
Wenige Tage vor dem ominösen Gedenkdatum wurde bekannt, dass die
europäische Politik immer noch zur Atomenergie hält. Die
Forschungsmittel der EU wurden verdreifacht. Im Vergleich zur
Nuklearförderung mit mehr als vier Milliarden Euro nehmen sich die
Gelder für Sonne, Wind, Biomasse und Gezeitenkraftwerke (zwei
Milliarden) eher bescheiden aus. Es herrscht noch immer keine
Chancengleichheit.
In Österreich traut sich niemand in der politischen Klasse, eine
Revision des Volksentscheids gegen das Kraftwerk Zwentendorf und die
Atomenergie insgesamt zu verlangen. Wir sind ohnehin eingekreist und
beziehen natürlich Atomstrom.
Es gibt Länder, die ohne eigene Atomenergie ihren Bedarf nicht
decken könnten. Österreich gehört nicht dazu, die Leistungen der
Windparks allein liegen bereits weit über dem europäischen Schnitt.
Viele Gemeinden sind Vorreiter beim Einsatz von Biomasse und
Sonnenenergie. Was an diesem 26. April jedoch einzumahnen ist: Es
wird zu wenig gespart.
Tschernobyl ist stillgelegt. Aber der Sarkophag aus Beton ist
brüchig geworden. Die Planungen für eine neue Umhüllung, so hoch wie
die Freiheitsstatue, sind angelaufen. Bis zur Realisierung werden
mindestens zwei Jahre vergehen, die Gefahr eines Einsturzes der alten
Hülle ist groß, die Risiken ebenso.
Auch über die Atomdiskussion wurde inzwischen ein Sarkophag
geschoben. Eine fundamentale Opposition gegen die friedliche Nutzung
der Atomenergie wäre ebenso falsch wie ein Hurra angesichts der
Fortschritte bei der Sicherheit. Die Debatte um die Atomnutzung im
Iran zeigt, dass deren friedliche Variante schell zu einer
kriegerischen mutieren kann.
Die Atomkraft bleibt auch zwanzig Jahre nach Tschernobyl eine
widersprüchliche Technologie. Ob sie für den Menschen arbeitet oder
sich gegen ihn wendet, hängt nicht nur vom Zufall ab. Sie ist
Stromquelle und Vernichtungswaffe zugleich.
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