"Presse"-Kommentar: Wovor soll man sich denn noch fürchten? (von Gerhard Hofer)

Ausgabe vom 26. April 2006

Wien (OTS) - In einer Gesellschaft voller irrationaler Ängste werden reale Gefahren immer weniger ernst genommen.
Wie wird das Hotel sein? Sind die Toiletten sauber? Will man Tourismus-Experten glauben, dann sind das sie größten Sorgen, die österreichische Touristen vor Reiseantritt quälen. Von Terrorangst keine Spur? Selbst nach den Terroranschlägen im ägyptischen Urlaubsparadies Dahab halten sich die Anrufe besorgter Kunden bei den Reiseveranstaltern in Grenzen. Sind die Menschen tatsächlich so abgebrüht? Nein: Sie haben nur verlernt, mit ihren Ängsten umzugehen. Terror ist längst im Pauschalpreis inbegriffen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn noch nie war Reisen so billig. Und das, obwohl die Kerosinpreise in die Höhe schnellen. Der Grund liegt auf der Hand: Die großen Reisekonzerne haben den Terror in ihre Angebote einkalkuliert. Und so sind es vor allem die Hotels in Ägypten oder in der Türkei, die langfristig an den Folgen des Terrors leiden. Sie müssen ihre Zimmer zu Dumpingpreisen hergeben. Und so zynisch es auch klingen mag: Terror rechnet sich auch für die Reisekonzerne.
"Preist schlägt Angst", bringt es der deutsche Tourismus-Experte Karl Born auf den Punkt. In einer Gesellschaft, in der Geiz geil ist und die Schnäppchenjagd über alles - selbst über Leichen - zu gehen scheint, sind Sicherheitsaspekte für den Einzelnen scheinbar kaum mehr ein Thema. Noch dazu im Urlaub, wo man seine Ruhe haben und den Alltag entfliehen will.
Es geht längst nicht mehr um die Frage: Sollen sich die Menschen im Urlaub vor dem Terror fürchten? Es geht darum: Wovor sollen sie sich denn noch fürchten? Sorgen um den Arbeitsplatz, Umweltzerstörung, Vogelgrippe und jetzt wieder einmal islamischer Terror.
Weil keiner mehr weiß, wovor er sich fürchten soll, werden Angst und Verantwortung immer mehr delegiert. An den Staat. Im aktuellen Fall ist es das Außenministerium, das entscheiden soll, wohin die Reise nicht geht. Die Rede ist von einer offiziellen Reisewarnung. Die gibt es im Falle von Ägypten nicht. Vielmehr spricht man von einem "hohen Sicherheitsrisiko".
Reisewarnungen gibt es tatsächlich nur für Länder und Regionen, in die kein normaler Mensch mehr freiwillig hinfahren, geschweige denn seinen Urlaub verbringen würde. Afghanistan, Irak, Kolumbien, Kongo, Elfenbeinküste oder Zentralafrika heißen die Länder, vor denen das Außenamt warnt.
Dabei muss es gar nicht Afghanistan sein, um den Menschen in diesem Land den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben. Ein kurzes Beispiel gefällig: Ein kleiner Taubendreck auf einer Kinderschaukel genügt, um einen Wiener Kinderspielplatz zu entvölkern. Da herrscht plötzlich akuter Vogelgrippe-Alarm. Die Menschen fürchten sich vor Dingen, die sie nicht kennen. Den Terror kennen sie mittlerweile offenbar zur Genüge.
Nach den Selbstmordanschlägen in Dahab, bei dem 23 Menschen getötet wurden, strich der deutsche Reiseveranstalter TUI sämtliche Ausflüge auf die Halbinsel Sinai. Die Reaktionen der Urlauber in Ägypten erstaunte selbst die abgebrühten Touristiker. Es hagelte Proteste. Schließlich habe man die Ausflüge gebucht, meinten verärgerte Touristen. Die Proteste ereigneten sich nicht einmal 24 Stunden, nachdem die drei Bomben in Dahab detoniert waren. Abgebrühtheit? Oder einfach nur Ausdruck der Hilflosigkeit in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung?
Mehr als 1000 Österreicher werden noch in dieser Woche nach Ägypten reisen, um dort ihren heiß ersehnten Urlaub zu verbringen. Etwa die Hälfte davon wird in die Badeorte auf Sinai reisen. Einige werden in Hotels in Dahab untergebracht sein. Kaum einer wird seinen Urlaub kurzfristig umbuchen, weiß man in den Zentralen der Tourismuskonzerne. Schließlich hat man lange dafür geschuftet, um es sich für wenige Tage gut gehen zu lassen. Und wie sagt es der deutsche Tourismus-Experte Born: "Die Leute handeln nach dem Motto:
Der Blitz schlägt nicht zweimal am selben Ort ein."
60.000 Österreicher werden dieses Jahr nach Ägypten reisen. In ein paar Wochen ist der Vorfall aus den Köpfen. In ein paar Tagen hat sie die nächste Hiobsbotschaft erreicht. Angst löst Angst ab.
Es ist eine paradoxe Situation eingetreten: In einer Gesellschaft, in der Ängste immer irrationaler werden, werden reale Gefahren immer weniger ernst genommen.

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