WirtschaftsBlatt Kommentar vom 21. 4. 2006: Der Ölpreis hebt ab - wen kümmert's? - von Angelika Kramer

Von einem Preisschock spricht heute niemand mehr

Wien (OTS) - Vor gar nicht allzu langer Zeit malten Analysten das Schreckgespenst eines Ölpreises von über 50 Dollar pro Barrel an die Wand; Werte über 70 Dollar waren undenkbar. Denn schon bei deutlich tieferen Preisen würde die gesamte Weltwirtschaft kollabieren, davon waren die Experten überzeugt. So hantelte man sich im Eilzugstempo von einem Rekordhoch zum nächsten und siehe da - die Weltwirtschaft brummt immer noch und das gar nicht so schlecht. Erst diese Woche hat der Währungsfonds seine jüngsten Weltwachstums-Prognosen um einen halben Prozentpunkt angehoben. Dabei bewegen wir uns mittlerweile auf Rohölpreise von 74 Dollar zu.

Der Schreck fährt niemandem mehr in die Knochen, sogar wenn von 100 Dollar und mehr die Rede ist. Von einem Ölpreis-"Schock" wie in den 70er-Jahren kann keine Rede sein. Die Wirtschaft hat sich an die Ölpreis-Rally gewöhnt und darauf eingestellt.

Ganz selten nur mehr ertönen Kassandra-Rufe wie jener des deutschen Wirtschaftsweisen Bert Rürup in der Bild-Zeitung: Dauerhaft steigende Benzinpreise hätten Bremswirkung auf den privaten Konsum und würden die dringend erforderliche Belebung der Binnennachfrage beeinträchtigen. Die Zahl derjenigen, die wie Norbert Walter, seines Zeichens Chefvolkswirt der Deutschen Bank, keinen Grund zur Hysterie ausmachen können, nimmt von Tag zu Tag zu.

Optimismus regiert also die Wirtschaft: Die Welt-Börsen nahmen den Rekord-Ölpreis der vergangenen Tage bestenfalls mit einem leichten Achselzucken zur Kenntnis. Eine Umfrage unter heimischen Unternehmen spiegelt das positive Sentiment wider: 36 Prozent der Befragten bezeichneten ihre Situation als "sehr gut" oder "gut".

Und mit rationalen Erklärungen kann man sich diesem Phänomen höchstens annähern: Die Unternehmen verstehen es besser, sich vom Öl abzukoppeln, die Notenbanken steuern besser gegen als in den 70er-Jahren und billige Importe aus China halten die Inflation im Rahmen. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein bringt es, befragt nach der Obergrenze des Ölpreises, auf den Punkt: "Ich weiss es nicht - das ist sicher in hohem Masse mit Psychologie verbunden."

Wen überrascht bei aller Irrationalität und überbordendem Optimismus dann noch die Nachricht, dass die Inflationsrate in Österreich im März von 1,2 auf ein Prozent gesunken ist? Entlastet wurde die Wirtschaft übrigens - erraten- durch die niedrigeren Treibstoffkosten.

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