Neue KÄRNTNER TAGESZEITUNG - Kommentar: Köpferollen zählt nicht als Reform (von Michaela Geistler-Quendler)

Ausgabe 19. April 2006

Klagenfurt (OTS) - Mit Rudolf Nürnberger tritt die Ikone jener Tradition der Gewerkschaftsbewegung ab, die mehr von einem Apparat als von Bewegtheit hat. Einer Ära, in der die "starken Männer" des ÖGB den Schalthebeln der Macht näher rückten, als es seinen Interessen noch nützte. Eine Ära, die eher für Entscheidungen im kleinen Kreis hinter verschlossenen Türen steht, als für demokratische Prozesse.
Nürnberger fasste die Charakteristik dieses antiquierten Selbstverständnisses der ÖGB-Bosse mit dem Brustton der Überzeugung mit zwei Sätzen zusammen: "Ich wüsste nicht, wer mir intern Druck geben soll." Und: "Ich wüsste nicht, was ich falsch gemacht habe." Diese Tonlage ist nicht dazu angetan, heute und morgen dringend benötigte Gewerkschaftsmitglieder zu werben.
Doch "neue Gesichter" werden nicht ausreichen, um dem ÖGB Leben einzuhauchen. Die neuen Köpfe müssen erst beweisen, ob sich die Organisation aus sich heraus so reformieren kann, dass sie verändert auf eine veränderte Arbeitswelt reagiert. Ob man noch darauf hoffen soll, dass Frauen an der ÖGB-Spitze für viele geringfügig beschäftigten Geschlechtsgenossinnen eintreten werden. Ob eine offene Debatte über die Vereinbarkeit zwischen einem politischen Mandat und der Funktion eines Arbeitnehmervertreters je möglich wird. Köpferollen zählt nicht als Reform.

Rückfragen & Kontakt:

chefredaktion@ktz.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | KTI0001