WirtschaftsBlatt Kommentar vom 19.4.2006: ÖGB: Dieser Rücktritt ist eine Chance - von Peter Muzik

Die Ära der Bonzen und Ämterkumulierer könnte zu Ende sein

Wien (OTS) - Mit zwei Sätzen, die zu denken geben, wartete Rudolf Nürnberger gestern anlässlich seines Rücktritts auf. "Ich wüsste nicht, wer mir einen internen Druck geben soll", antwortete er auf die Frage, ob auf ihn interner Druck ausgeübt wurde. Und mit "Ich wüss-te nicht, was ich falsch gemacht habe." wischte er alle Fragen vom Tisch, ob auch er in den jüngsten Turbulenzen Fehler gemacht hat. Die beiden Zitate am Ende einer 18-jährigen Ära lassen einen jedenfalls viel besser verstehen, warum die Gewerkschaft unter der bisherigen Führung in so eine prekäre Situation schlittern musste.

Der stahlharte, meist auch recht sture Metaller-Chef, der letztendlich Österreichs mächtigster Gewerkschafter war, hat stets autoritär regiert, ohne dass ihm jemand etwas dreinreden konnte, und er schätzte sich dabei als makellos wie ein Erzengel ein. Der in Wahrheit bis zuletzt durchaus selbstherrliche ÖGB-Kaiser vom alten Schlag liess - dies nur zur Erinnerung - nicht nur die Neuauflage von Rot-Schwarz platzen, indem er 1999 den Koalitionspakt nicht unterschrieb, sondern verhinderte im Vorjahr auch die geplante Riesenfusion im Gewerkschaftsbund. Im Gegenzug weitete er seine Machtbasis mit Geschick deutlich aus: In Kürze werden die Metaller die Teilgewerkschaften Agrar-Nahrung-Genuss praktisch inhalieren. Nürnberger winkte jedoch rasch ab, als es um die neue ÖGB-Spitze ging, um nunmehr als Dritter im Bunde sämtliche Funktionen niederzulegen und sich ins Privatleben zurückzuziehen.

Zuerst Sallmutter, dann Verzetnitsch, jetzt Nürnberger - die Ära der starken Männer, die man gern und beinahe liebevoll als Bonzen bezeichnet hat, ist damit - hoffentlich - zu Ende. Und der Weg für einen Generationswechsel im Gewerkschaftsbund frei, was dem 60-jährigen Frühpensionisten nicht hoch genug anzurechnen ist. Jetzt können die jüngeren Gewerkschaftschefs - ein Wolfgang Katzian, ein Wilhelm Haberzettl, ein Franz Bittner oder ein Erich Foglar -möglichst rasch versuchen, eine Totalreform der angeschlagenen Arbeitnehmervertretung anzugehen und diese aus dem Sumpf zu ziehen.

Ob die genannten Herren dabei eine glücklichere Hand - sprich: mehr Erfolg - haben werden als Rudolf Nürnberger, sollte sich schon relativ bald zeigen. Der bisherige Metaller-Boss war jedenfalls, ähnlich wie Fritz Verzetnitsch, alles andere als ein Reformer. Eher so etwas wie ein Verhinderer, der gerne im Alleingang entschied und dabei nie das Gefühl hatte, einen Fehler machen zu können.

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