"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der Ball ist wund" (Von HUBERT WINKLBAUER)

Ausgabe vom 18. April 2006

Innsbruck (OTS) - Dieses Spiel ist eine blutige Beschäftigung. Es gibt gebrochene Arme und Beine. Sie schlagen einander die Ellbogen ins Herz, die Fäuste in die Rippen. Daraus erwachsen Neid und Hass." In einer Anatomie englischer Missstände wurde 1583 der Fußball als "teuflischer Zeitvertreib" beschrieben. Damals gab es bei den Fußall-Spektakeln sogar noch Tote.

Was wir jetzt spielen, ist gewissermaßen die gezähmte Variante der Urform des Kickens. Der Fußball hat ein dichtes Regelwerk entwickelt, um die kriegerischen Potenziale zu zivilisieren. Und konnte sich dabei auf einen kulturellen Wandel stützen.

Gehörte früher die Ohrfeige für die Kinder, das Nötigen von Untergebenen, zum Erziehungsfundament, so ist diese unter zivilisierten Menschen geächtet. Prügelstrafe ist längst gesetzlich verboten.

Die Admira hat gegen den FC Wacker für das erhaltene Tor zum 1:1 in der 93. Minute gewissermaßen die Prügelstrafe wieder eingeführt. Hooligans im Admira-Dress haben ihren Tiroler Gegnern in Weichteile getreten und ins Gesicht geschlagen. Wie sind Fußball untereinander dazu fähig?

"Wir haben die Nerven verloren", sagen die Täter. Das ist die Umschreibung für den Wegfall humaner Hemmungen.

Eigentlich spekuliert die Gesellschaft ja damit, den Sport gezielt zum Abbau von Aggressionen infolge von Alltagsängsten und Alltagsdemütigungen zu benutzen. Aber der Sport baut auch Aggressionen auf. Sport und Gewalt sind also nur schwer zu entflechten. In der Südstadt hat die vermeintlich "kanalisierte" Aggression den Kanal verlassen.

Der Fußball ist wund. Und das war voraussehbar, seit der ökonomische Druck nicht nur die Ästhetik des Spiels sukzessive kaputtmacht, sondern von Spieltag zu Spieltag existenzielle Fragen stellt.

Die Heilung kann nur in einer Rückbesinnung liegen. Fußball muss wieder ein Spiel werden. Aber nicht jene englische Variante aus dem Jahr 1583

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