"Kleine Zeitung" Kommentar: "Solange es fette Pfründen gibt, wird aus der Krise keine Chance" (von Wolfgang Haupt)

Ausgabe vom 15.04.2006

Graz (OTS) - Wer seinen Gewerkschaftsbeitrag zahlt, hat in den letzten Wochen nicht viel zu lachen gehabt. Stattdessen gab es umso mehr Gründe, sich zu wundern.

Etwa: Wieso kann jemand mit diesen Mitgliedsbeiträgen Finanzlöcher stopfen, die durch dubiose Spekulationsgeschäfte einer Bank entstehen? Wie kommt ein ÖGB-Präsident dazu, selbstherrlich den angeblich unantastbaren Streikfonds zu verpfänden? Wieso werden einem Bankdirektor, der dem Institut offensichtlich Schaden zugefügt hat, Millionenabfertigung und andere Benefizien in die Pension nachgeschmissen? Und schließlich: Auf welch undemokratische Weise installiert da eine Handvoll Funktionäre einen neuen Oberboss, unter dem jetzt angeblich alles anders werden soll?

Aber die 1,3 Millionen ÖGB-Mitglieder - wie viele sind es eigentlich wirklich noch? - durften diese Woche einmal mehr staunen. Auf der Titelseite der Mitgliederzeitung "Solidarität" konnten sie groß den neuen ÖGB-Häuptling Rudolf Hundstorfer beim freundschaftlichen Händedruck mit seinem Vorgänger Fritz Verzetnitsch sehen. Mit jenem Fritz Verzetnitsch, von dem man die Tage davor den Eindruck bekommen musste, er sei mit Schimpf und Schande davongejagt worden. Im Blattinneren durfte dieser auch noch eine recht blauäugige Version seines Abgangs liefern, in der er auch auf der aus seiner Sicht "notwendigen Vorgangsweise im Jahr 2000" beharrte.

Die beschönigende Darstellung spiegelt die Erstarrung des ÖGB-Systems wider. Und sie straft alles Gerede von Erneuerung und der Krise, die auch eine Chance sein soll, Lügen. Der zum Krisenmanager hochstilisierte Gemeindebedienstete Hundstorfer mag sich ja bemühen, das havarierte ÖGB-Schlachtschiff wieder auf Kurs zu bringen. Aber es wird nur gelingen, wenn die überflüssige Tonnage über Bord geworfen wird. Damit sind nicht die kleinen ÖGB-Mitarbeiter gemeint, sondern die Pfründen der Spitzenleute. Wie will man Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, wenn ein Gewerkschaftschef wie Wolfgang Katzian auch noch einen Parlamentssitz haben muss und Hundstorfer selbst seinen Sessel als Wiener Gemeinderats-Präsident partout nicht räumen will?

Leute aus der zweiten Reihe, wie Dwora Stein oder Georg Kovarik, lassen sich, wie man hört, ihre neue Bawag-Aufsichtsratstätigkeit mit Jahresgagen von 24.000 Euro aufwärts abgelten. All das gibt auch den vielen Enttäuschten zu denken, die der Gewerkschaft jetzt den Rücken kehren. Es wird schwer sein, sie zum Wiedereintritt zu überreden. ****

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