"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Politik macht krank" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 15.04.2006

Wien (OTS) - Von politischem Osterfrieden haben wir heuer wenig bemerkt. Die gegenseitigen Beschuldigungen und Verunglimpfungen haben auch in der Karwoche erschreckende Ausmaße erreicht.
Überraschen kann das nicht: Politiker dürfen lügen und betrügen, sie dürfen einander auf das übelste beschimpfen, sie dürfen öffentliche Armutsgelübde ablegen und sich hinterrücks die Taschen voll stopfen. Sie dürfen auch Versprechen machen, die sie niemals zu halten gedenken: Kaum jemand nimmt es ihnen wirklich übel.
Eines allerdings wird Politikern nur in seltenen Ausnahmefällen verziehen: Schwäche zeigen oder gar länger krank sein dürfen sie nicht. Dann könnten sie ja nicht mehr bei jedem Volksfest dabei sein und so tun, als würde ihnen das auch noch Freude machen.
Ob das sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Rücktritt des deutschen SPD-Chefs Matthias Platzek gibt zu denken. Nach Hörstürzen, Kreislaufkollaps und Nervenzusammenbruch warf er diese Woche das Handtuch.
Da drängt sich ganz allgemein die Frage auf, was ein Politiker leisten kann, der fremdgesteuert von einem Termin zum anderen hetzt und sich kaum jemals Zeit zum Nachdenken nimmt.
Kaum ein Politiker hat den Mut, dieser Tretmühle fern zu bleiben. US-Präsident Ronald Reagan ist der wohl bekannteste unter ihnen. Als er 1980 ins Weiße Haus einzog, fragte ihn ein Reporter, ob er wohl mit seinen 69 Jahren noch fit genug wäre für einen 20-Stunden-Tag. "Wer Amerika nicht zwischen neun Uhr früh und fünf Uhr abend regieren kann, der schafft es auch nicht, wenn er bis Mitternacht am Schreibtisch sitzt", war seine legendäre Antwort.
Da steckt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit drin. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich durften wir schon mehrfach erleben, wie ausgebrannte Politiker die Bodenhaftung verlieren, nachdem sie für den Machterhalt alles geopfert haben - von ihrer Glaubwürdigkeit bis zur Gesundheit. Der Rücktritt ist dann nur das letzte, oft menschlich tragische Kapitel.
Nur wenige schaffen die Gratwanderung, präsent zu sein, sich aber nicht bei jeder Gelegenheit anzubiedern; Aufgaben zu delegieren, ohne die Zügel aus der Hand zu geben; sich mit striktem Zeitmanagement persönliche Freiräume zu erkämpfen, statt ständig unter beruflichem Druck zu leiden. In Österreich zählen am ehesten noch Wolfgang Schüssel und Alexander van der Bellen zu dieser Gruppe.
SP-Chef Gusenbauer hingegen protzt damit, in 115 Tagen seit Amtsantritt 48.000 Kilometer zurückgelegt und "150 öffentliche Plätze besucht" zu haben.
Haben erfolgreiche Politiker auch außerhalb des Wahlkampfes solche Gewalttouren wirklich notwendig? Wer das erwartet, provoziert eine gefährliche Entwicklung: Dass irgendwann nur noch Menschen in die Politik gehen, die entweder unter übersteigertem Geltungsdrang leiden oder in anderen Berufen kaum Erfolgserlebnisse zu erwarten hätten. Das eine wäre so unerfreulich wie das andere.
Politik darf weder selbst zum Krankheitsbild werden noch zur Spielwiese psychisch angeschlagener Selbstverwirklicher verkommen. Sonst macht Politik nämlich wirklich krank, und zwar nicht nur Politiker und Funktionäre, sondern auch unsere Gesellschaft.

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