"Die Presse" Leitartikel: "Wollen Sie am Sonntag glücklich sein?" (von Rainer Nowak)

Ausgabe vom 13,4.2006

Wien (OTS) - Verkehrte Welt: Die Wirtschaftskammer freut sich über geschlossene Geschäfte am Sonntag.
Sollten Sie einem ausländischen Gast je die spezifischen Feinheiten des politischen Systems Österreichs näher bringen wollen, verwenden Sie am besten folgendes Beispiel. (Es klingt zwar absurd, entspricht aber der Wahrheit).
Also: In Österreich dürfen Geschäfte am Sonntag nicht aufsperren. In Nachbarländern mag das anders sein, hier ist das gesetzlich verboten. Da das Land gut von Touristen lebt, nimmt ihnen der Handel in bestimmten "Zonen" doch Geld ab. Erlauben kann dies nur der Landeshauptmann. In Wien sind besonders viele Touristen, daher wollen manche Händler und Touristiker eine solche Zone. Die Gewerkschaften, die die Stadt quasi regieren, könnten sich die Mehrarbeit ihrer Mitglieder unter Umständen vorstellen. Aber die Vertreter des Handels nicht. Zur eigenen Absicherung lässt die gesetzliche Interessensvertretung der Wirtschaft eine Umfrage erstellen, die dies belegt. Nicht nur unter Händlern, sondern unter den Bürgern. Damit ist das Thema vom Tisch. So funktioniert Österreich.
Diese Studie spreche eine deutliche Sprache, jubeln die Kammer-Vertreter, allen voran Wiens Präsidentin Brigitte Jank: Sogar die Touristen sind in überwältigender Mehrheit dagegen! 500 Wien-Besucher wurden subtil befragt: "Sind Sie zufrieden oder unzufrieden mit den bestehenden Öffnungszeiten?" Der typische Reisende hat die vor seiner Österreich-Visite ja ganz sicher studiert. Die Frage "Würden Sie am Sonntag in der Wiener Innenstadt einkaufen oder nicht?" blieb aus. So antworteten 65 Prozent höflich mit "zufrieden".
Auch bei den Begründungen ging die Kammer schlau vor: Nur sieben Prozent der Touristen hätten Einkaufen als Hauptmotiv für den Wien-Besuch genannt! Logisch, wer soll auch wegen des Einkaufs über das Wochenende nach Wien kommen? Die Läden sind am Sonntag zu. Und dass 47 Prozent "Sehenswürdigkeiten" als Grund nennen, überrascht nicht. Man stelle sich die Situation vor: Bei der Ankunft am Flughafen Heathrow, Charles de Gaulles oder Tegel bittet ein junger Mann zur kurzen Umfrage: "Warum sind Sie gekommen?" Selbst wenn es der Wahrheit entspräche, mit "wegen der Schuhe, des Essens und des süffigen Biers" antwortet da wohl keiner. Sondern natürlich nur wegen der Sehenswürdigkeiten.
Abgesehen von solchen schönen Details sind die Reaktionen auf die Umfrage interessant: Das Thema Ladenöffnung am Sonntag sei vom Tisch, verkünden die Sozialpartner unisono. Kein Politiker, auch nicht der für Tourismus zuständige Wirtschaftsminister, traut sich etwa mit der Forderung nach einem Probeversuch vor. Der letzte, der sich die Finger verbrannte, war Karl-Heinz Grasser. Der schweigt nun lieber. Dabei könnte man ganz andere Schlussfolgerungen aus der Umfrage ziehen: Obwohl 86 Prozent der Wiener gegen offene Läden in der City sind, besteht doch noch Bedarf. Die anderen 14 Prozent stehen hochgerechnet für rund 210.000 Wiener, die gerne einkaufen würden. Und dieses Geschäft lässt sich der Handel entgehen?
Ein ähnlicher Umkehrschluss ist natürlich bei den Touristen möglich:
27 Prozent sind so mutig gewesen, sich als "unzufrieden" mit den Öffnungszeiten zu bekennen. Bei 3,7 Millionen Wien-Urlaubern (2005) ergibt das eine knappe Million Urlauber, die sonntags einkaufen wollen. Tagestouristen nicht eingerechnet. Nach der Logik der Wirtschaftskammer müsste man auch sofort Österreichs Kinos sonntags zusperren. Wenn etwa an diesem Tag - sehr großzügig geschätzt -200.000 Personen ins Kino gehen, sind das 2,5 Prozent aller Österreicher. Ähnliche Zahlenspiele lassen sich sicher mit Theatern oder Sportveranstaltungen anstellen.

Aber diese Diskussion ist die der Wirtschaftskammer, die der Reglementierung und Verbote. Denn um die zentrale Frage schrauben sich Jank und alle anderen Kämmerer elegant: Warum benötigen wir Gesetze für Öffnungszeiten? Warum darf ein Händler nicht aufsperren, wenn und wann er will? Weil dann die bösen Großkonzerne ihre Mitarbeiter ausnützen, die angeblich intakte Familie zerbricht? Dafür gibt es eigentlich ein umfangreiches Arbeitsrecht. Weil die internationalen Ketten die armen Greißler verdrängen? So traurig es sein mag: Das ist mehrheitlich schon geschehen. Gerade eine Liberalisierung der Öffnungszeiten kann kleinen Nahversorgern einen Wettbewerbsvorteil bringen, das lässt sich in vielen Städten beobachten.
Dennoch kann man strategisch von der "Wirtschaftskammer-Studie" viel lernen. Daher am Schluss meine kleine Umfrage: Hätten Sie diesen Text auch am Sonntag gelesen? Eben.

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