"Kleine Zeitung" Kommentar: "Heimischer Hochwasserschutz im Strudel der Interessen" (Von Helena Wallner)

Ausgabe vom 10.04.2006

Graz (OTS) - Die soeben erschienene Praxisfibel "Fließgewässer erhalten und entwickeln" unseres Umweltschutzministeriums zu Schutzmaßnahmen vor Hochwasser ist zwar gut gemeint, hat aber den Leidtragenden an der March auch nicht mehr geholfen. Dämme brachen ein, mit dem Wasser stieg der Unmut über verzögerte Sanierungen an den Hochwasserbarrieren.

Schneller als die Flut war der Schuldige - mit Blick auf das nicht abgesoffene, sanierte andere Ufer auf slowakischer Seite -ausgemacht: Die ungeliebte Umweltverträglichkeitsprüfung, im Abschreckungslexikon kurz UVP genannt, sei der Missetäter für die Verzögerungen gewesen.

So einfach erklären nicht nur die Österreicher die Welt. Auch in deutschen Flusstälern wiederholt sich derzeit nach unerwartetem Frühlingsregen, beschleunigter Schneeschmelze und Tauwettertagen in den Alpen die Geschichte. Ortschaften, denen das Wasser regelmäßig bis zum Hals steht, saufen wieder ab, weil die Hochwasserschutz-Vorhaben mit Einsprüchen torpediert werden, bis es zu spät ist. Unrühmlichkeit errang Eschenlohe nahe Garmisch-Partenkirchen, seit Jahrzehnten holen sich im "Dorf der Unbelehrbaren" die Hochwasserschutzplaner an einer alten Brücke blutige Nasen.

Zum ausgewachsenen Feindbild gerät die Ökologie, wenn es um effektiven Hochwasserschutz geht. Selbst Hänschen weiß, dass immer höhere und mächtigere Dammbauten allein vor den heranbrausenden Fluten nicht schützen können, dass ernsthafte Maßnahmen auch die Sünden der Vergangenheit berücksichtigen müssen. An der March sind im vergangenen Jahrhundert mehr als 60 Prozent der ursprünglichen Überschwemmungsflächen verloren gegangen. Zum Schutz der March-Gemeinden wären 1500 Hektar Auffangfläche notwendig, eine Rechnung, die nicht ohne die Grundeigentümer gemacht werden kann.

Die Erfahrung zeigt, dass jeder für Rückhaltemaßnahmen ist, bloß nicht vor der eigenen Haustür. Die einen fürchten Wertminderung ihrer Gründe, andere nicht ausreichende Ernte-Entschädigung im Flutungsfall, Dritte die Bedrohung des Weinkellers durch den ansteigenden Grundwasserspiegel.

Langwierige Anhörungen, Klagen, Gutachten und Gegengutachten können vorausgesagt werden. Zusatzbremse: Nichts ist schneller vergessen als die Hochwassergefahr - ein paar trockene Jahre genügen. Da gerät die Meldung beinahe zur Frohbotschaft, dass durch den Klimawandel fortan auch im Lenz mit mehr extremen Niederschlägen und Flutwellen zu rechnen ist.****

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