"Die Presse": Kommentar: "Keine Tribüne für Ahmadinejad" (von Wolfgang Böhm)

Ausgabe vom 10.4.2006

Wien (OTS) - Irans Präsident ist ein Politiker, der bei Veranstaltungen in Europa - und sei es die Fußballweltmeisterschaft -nichts verloren hat.
Es ist eine eigenartige Konditionierung mancher europäischer Politiker. Sie fühlen sich gezwungen, jedem die Hand zu drücken - sei es ein Kriegsverbrecher, Faschist, kommunistischer Putschist oder islamistischer Fundamentalist. So würde es auch der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble für einen notwendigen Akt der Höflichkeit halten, dem umstrittenen iranischen Präsidenten die Hand zu reichen. Sollte Ahmadinejad zur Fußballweltmeisterschaft kommen, wird ihm ein Lächeln geschenkt. "Wir wollen gute Gastgeber sein", versucht sich Schäuble zu rechtfertigen.
Zum Glück will Ahmadinejad gar nicht zum Anfeuern seiner iranischen Mannschaft erscheinen. Denn sonst würde Europa eine neuerliche Peinlichkeit erleben. Es ist schon absurd genug, dass hochrangige Politiker die gefährlichsten Persönlichkeiten der Welt suchen wie die Motten das Licht. Völlig unverständlich ist es aber, warum es in der Politik keine moralischen Grenzen der Gastfreundschaft mehr gibt. Zur Erinnerung: Der iranische Präsident hat zur Vernichtung Israels aufgerufen und hat den Holocaust geleugnet. Für letztere Äußerung würde ein "normaler" Deutscher mit bis zu fünf Jahre Haft verurteilt.
Ahmadinejad ist nicht irgendwer, mit dem man schulterklopfend ein paar nette Worte verlieren kann. Er ist vielmehr jemand, dem klar werden muss, dass seine Art der politischen Hetze in keinem international bedeutenden Land gebilligt werden kann.

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