"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Europäische Seilschaften" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 10.04.2006

Wien (OTS) - In Italien ist am Wochenende einer der schmutzigsten Wahlkämpfe zu Ende gegangen, den das demokratische Europa je erlebt hat. Morgen werden wir wissen, ob auch die Ära von Medienzar Silvio Berlusconi zu Ende ist und er die Macht an seinen sozialistischen Widersacher Romano Prodi übergeben muss.
Geben wir uns aber keinen Illusionen hin: Berlusconi hat fünf Jahre lang nur das gemacht, was viele andere Politiker auch gerne tun würden. Er hat Staatspolitik und Privatgeschäfte verknüpft; er hat die Justiz attackiert und Gesetze willkürlich geändert; er hat Journalisten maßregeln lassen, die nicht willfährig berichtet haben. Und er hat gesagt, was viele seiner Kollegen vermutlich auch denken:
Dass seine Konkurrenten Schweine sind und deren Wähler Vollidioten. Den politischen Seilschaften hat das keinen Abbruch getan: Immerhin hat gerade erst der jetzige EU-Ratspräsident Wolfgang Schüssel seinem "(Partei-)Freund Silvio" alles Gute und viel Glück gewünscht. Schüssel hätte das gewiss nicht gemacht, würde er Berlusconis Art und seine Politik nicht gut heißen.
Wir müssen dem italienischen Medienzaren dankbar sein, dass er uns die Augen geöffnet hat, wie machthungrige Politiker heutzutage denken und wenn möglich auch handeln. Italien hat es nicht gut getan. Es ist politisch zersplittert, wirtschaftlich das Schlusslicht Europas und ein Hort der Mafia-Kriminalität. Dass das übrige, sonst so stark um politische Korrektheit bemühte Europa all das einfach ignoriert, gibt zu denken.

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