"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die verlorenen Kinder" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 09.04.2006

Graz (OTS) - Im Berliner Bezirk Neukölln erklärte eine Schule den Bankrott und bat um ihre Auflösung. Man bewältige die Gewalt nicht mehr und sei mit den Kräften am Ende. Lehrer müssten per Handy aus dem Unterricht Hilfe rufen. Die Schüler, darunter viele Migrantenkinder, würden sich dem Lernen verweigern. Gebilligt werde nur ein Recht, das des Stärkeren. Wer zulange, sei das Idol. Die Eltern: abwesend. Unter diesen Umständen Menschen den Weg ins Leben zu ebnen, sei Utopie, unerfüllbar.

Die Politik reagiert, wie es der Reflex befiehlt: mit gegenseitigen Vorwürfen und mit krachledernem Populismus wie jenem eines Herrn Stoiber: Weg mit den Rabauken, weg mit den Handys, weg mit den iPods! Lederhose und Laptop, das war offenbar einmal.

Mit diesem hilflosen Aktionismus kaschiert die Politik ihr kolossales Versagen bei der Integration. Viel zu lange hat man Zugewanderten sich selbst überlassen, getarnt als Toleranz. Die ganz Rechten nährten sich am Feindbild, und die Linken beschworen eine multikulturelle Straßenfest-Romantik und verkauften sie als soziale Wirklichkeit. Die wucherte in den Parallelgesellschaften an den Stadträndern, mit Schulen, die kein Fürsprecher der multikulturellen Idylle je seinen Kindern zumuten würde.

Integration führt nur über den Erwerb der Sprache. Der muss in den Kindergärten stattfinden, die von ihrem Tanten-Stigma endlich erlöst und aufgewertet gehören, mit lückenlosem Sprach-Screening. Für Migrantenkinder sollte der Kindergarten leistbar, dafür verpflichtend sein. Wer ohne Sprachkenntnis ins Schulleben tritt, landet im Außenseitertum und wird es nie wieder los.

Freilich: Die Gewalt an den Schulen hat nicht nur mit unbewältigter Zuwanderung zu tun. Auch in Gegenden ohne Migrationsmilieus berichten Lehrer von Aggression, verrohter Sprache und seelisch Verwahrlosten. Es sind keine ungezogenen Jugendlichen, sondern unerzogene. Viele sind ohne innere Behausung und haben keine Erwartungen ans Leben. Sie sind daher an Bildung desinteressiert. Es sind verlorene Kinder, weil die Schule die Defizite nicht mehr korrigieren kann. Durch das versteinerte Vormittags-System gewährt sie keine Zeit für soziales Lernen und Beheimatung und reicht die Schwierigen nach unten durch.

An den Lehrern liegt es nicht. Sie kamen als Fachlehrer und sind jetzt Sozialarbeiter und Seelsorger. Auf diese Wirklichkeit wurden sie nicht vorbereitet und die Politik, die Ressourcen in Form von Stützlehrern, Spezialkräften und niedrigeren Klassenschülerzahlen bereitstellen müsste, verweigert die Hilfe. Eine Schande, wenn man sieht, wofür Geld da ist.****

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