"Kleine Zeitung" Kommentar: "Berlusconi gegen Prodi: Schickt die Verbrauchten in die Rente!" (Von Bettina Gabbe)

Ausgabe vom 08.04.2006

Graz (OTS) - Italiens Premier Silvio Berlusconi beschimpft linke Wähler als "Trottel", fordert UNO-Wahlbeobachter, um angeblich drohende Betrügereien zu verhindern und rühmt sich, die Lebenserwartung der Italiener von 78 auf 80 Jahre angehoben zu haben. Trotz der beliebig verlängerbarer Liste an Peinlichkeiten und erheblicher juristischer Querelen mit Prozessen wegen Korruption und Schwarzkonten rechnet Berlusconi sich eine realistische Chance auf einen knappen Wahlsieg aus. Dabei sah der Unternehmer als Ministerpräsident dem wirtschaftlichen Abstieg seines Landes tatenlos zu und sorgte derweil für drastisch gewachsene Haushaltslöcher anstatt wie erwartet durch Reformen für ökonomischen Aufwind zu sorgen.

Sein Herausforderer Romano Prodi bezichtigt die Rechten "terroristischer Verbrechen", weil diese ihn bezichtigen, Steuererhöhungen zu planen. Sein buntes 17-Parteien-Bündnis reicht von Totzkisten bis zu Christdemokraten, die den Irak-Krieg befürworten. Auch Der Ex-EU-Kommissionspräsident erging sich lieber in Beleidigungen seines Gegners als darzulegen, wie er seine Reformen finanzieren will. Die Chronik der Wochen vor den morgigen Wahlen erweckt eher den Eindruck eines Wettstreits zwischen Verbrechern und alternden Schaumschlägern als eines politischen Prozesses.

Mangels starker Leitfiguren, die ihre Koalitionen mit zukunftweisenden Ideen und Durchsetzungskraft zusammenhalten, bieten die Kandidaten Spektakel auf dem Niveau von Reality Shows. Doch die Strategie, den Gegner in die Nähe von Gangstern und Mördern zu stellen, droht die Italiener eher abzuschrecken als sie zum Urnengang zu bewegen. Die Teilnehmer an immer roher werdenden Big-Brother-Sendungen schlagen die Politiker beim Wettstreit um die bösartigste und respektloseste Attacke um Längen.

Erforderlich ist dagegen eine Rückkehr auf den Boden der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der es an Herausforderungen nicht mangelt. Gegen Null tendierendes Wirtschaftswachstum, rapide steigende Preise und eine niedrige Beschäftigungsrate verblassen nicht so schnell wie die Bilder von sich beschimpfenden Politikern.

Gerade eine von allen Beteiligten lauthals abgelehnte große Koalition würde Italien aber einer Lösung der Probleme näher bringen: Ohne die bremsenden Kräfte der vielen Kleinstparteien könnte ein so genanntes "governissimo" es sich leisten, die beiden verbrauchten Spitzenkandidaten Prodi und Berlusconi in Rente zu schicken.****

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