Symposium "Psychoanalyse, Gesetz und Demokratie" im Parlament Vorträge anlässlich des 150. Geburtstages von Sigmund Freud

Wien (PK) – Heute Nachmittag fand anlässlich des 150. Geburtstages von Sigmund Freud ein Symposium zum Thema "Psychoanalyse, Gesetz und Demokratie" statt, zu dem die Zweite Nationalratspräsidentin Barbara Prammer ins Parlament einlud. Ziel der Veranstaltung sei es, einerseits die Bedeutung Freuds als Kulturtheoretiker und Sozialpsychologe darzustellen und andererseits den Dialog zwischen Psychoanalyse und Politik zu vermitteln. Dabei komme man auch nicht umhin, sich mit einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte Österreichs zu befassen, betonte Prammer, zumal Freud – ebenso wie sehr viele andere jüdische Mitbürger – aus seiner Heimat flüchten musste. Deshalb freue sie sich außerordentlich darüber, dass Professor John S. Kafka, der 1938 in die USA emigrieren musste, heute einen Festvortrag hält.

Im Rahmen des Symposiums wurde auch die von Eveline List herausgegebene Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit "Freud und die Folgen" (Studienverlag) präsentiert, in der auf 184 Seiten aus der Sicht zahlreicher Autoren die Bedeutung Freuds in den verschiedensten Bereichen analysiert wird. List wies im Editorial darauf hin, dass Sigmund Freud in Österreich traditionell zu wenig beachtet werde – jedenfalls viel weniger als es seiner internationalen Reputation entspricht. Im intellektuellen Leben und besonders im universitären Betrieb seien seine Theorien kaum vertreten; auch die Kenntnis der Schriften und erst recht das Studium seiner Methode dürfte nur wenig verbreitet sein. In ihrem Vortrag zum Thema "Das Gesetz und das Unbewusste" strich List heraus, dass nur bei Vorhandensein von innerer und äußerer Sicherheit die Menschen fähig sind, Gesetze zu akzeptieren und kulturelle Grenzen zu beachten.

Gedanken über den "Nutzen der Psychoanalyse im politischen Alltag" machte sich sodann die Analytikerin Sabine Götz. Psychoanalyse habe immer etwas mit Politik zu tun, meinte sie, denn Vorstellungen darüber, wie eine Gesellschaft sein soll, fließen auch in die Arbeit der Therapeuten ein. Freud zählte die politische Arbeit bzw. das Regieren – ebenso wie das Erziehen und das Analysieren - zu den drei unmöglichen Berufen. Er begründete dies damit, dass alle drei Berufe mit überaus hohen Anforderungen verbunden sind. Man erwarte sich von jeweiligen Personen nämlich ein Übermaß an seelischer Stabilität und menschlicher Korrektheit. Ihrer Ansicht nach sollten sich Psychoanalyse und Politik dort treffen, wo es um dieselben Ziele geht, also beim Schutz des Schwächeren, der Stärkung der Frauen und dem Erlernen von Solidarität.

Professor John S. Kafka, der in Linz geboren wurde und 1938 in die USA emigrieren musste, befasste sich mit der "Bedeutung psychoanalytischer Einsichten für die Demokratie". Geprägt durch seine eigenen persönlichen Erfahrungen befasste er sich intensiv mit den Schicksalen jüdischer Flüchtlinge, "in denen etwas Tiefes zerbrochen ist"; dies könne auch durch "psychoanalytische Bedeutungen" nicht geheilt werden. Was den Zusammenhang zwischen Demokratie und Psychoanalyse angeht, so handle es sich in beiden Fällen um offene Systeme; und zwar offen für zukünftige Entwicklungen und die Wahrheit der Vergangenheit. Es bestehe die Möglichkeit, Situationen neu oder anders zu verstehen bzw. mit ihnen umzugehen.

In beiden Bereichen müssen Wege gefunden werden, um die Kontinuität des Gedächtnisses zu bewahren und um "Gedächtnismörder zu bekämpfen, betonte Kafka. Eine lebendige Demokratie brauche ein ständiges Rühren und Aufrühren, das sei das Kennzeichen einer offenen Gesellschaft. Genauso wie in einer erfolgreichen Psychoanalyse spiele auch in einer erfolgreichen politischen Debatte das Hin und Her gegenseitiger Identifizierungen eine entscheidende Rolle. Schließlich sprach Kafka noch die Denkmäler für Opfer an, die oft ein besonders krasses Beispiel für eine organisierte Amnesie darstellen, da sie von der Beschäftigung mit den Tätern ablenken. Die besten Denkmäler seien seiner Auffassung nach wirksame Gesetze im Sinne der Toleranz und der Meinungsfreiheit. Er dankte der Nationalratspräsidentin für die Einladung, weil sie ihm damit etwas österreichische Kontinuität in einem demokratischen Österreich ermöglicht habe.

Sigmund Freud – Der Begründer der Psychoanalyse

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 in Freiberg/Pribor in Mähren geboren. Schon Anfang 1860 kam er mit einer der frühen Migrationswellen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts osteuropäische Juden auf der Suche nach ökonomischen und politischen Verbesserungen in die Reichshauptstadt brachten, nach Wien, dessen intellektuellen Ruf in der Welt er im folgenden Jahrhundert maßgeblich mitprägen sollte, schreibt Eveline List im Vorwort zur Wiener Zeitschrift. Freud, der Medizin studierte, verstand sich immer zuerst als Forscher und bald als Begründer einer Wissenschaft mit vielfältigen Anwendungsgebieten. Die eigensinnige Originalität seiner Forschungen, die Konsequenz der Methodik und die besonderen Umstände der Organisation der neuen Disziplin außerhalb der Universität trugen gleichermaßen zu jener komplexen Vielfalt theoretischer und methodischer Bausteine bei, die schließlich die Wissenschaft vom Unbewussten begründete.

Im globalen Rahmen scheinen die Einsichten der Psychoanalyse längst Teil des Allgemeinwissens zu sein; inzwischen sind etliche ihrer Begriffe fest im Wortschatz des westlichen Alltagsjargons verankert. Auch Politiker sprechen von "Verdrängung" oder von "Freud´schen Versprechern". Die Wahrheit ist aber auch, dass psychoanalytische Theoreme in aller Konsequenz und Radikalität recht selten Eingang in den Wissenschaftsbetrieb oder gar in das Alltagswissen der Menschen gefunden haben. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der Komplexität der Konzepte, sondern auch – wie Freud selbst mutmaßte – in der Kränkung der menschlichen Größensucht durch die Tatsache, dass die psychologische Forschung dem Ich nachweisen will, dass es nicht einmal Herr im eigenen Haus ist, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewusst in seinem Seelenleben vorgeht.

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments im
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