- 07.04.2006, 19:16:32
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Symposium "Psychoanalyse, Gesetz und Demokratie" im Parlament Vorträge anlässlich des 150. Geburtstages von Sigmund Freud
Wien (PK) – Heute Nachmittag fand anlässlich des 150. Geburtstages
von Sigmund Freud ein Symposium zum Thema "Psychoanalyse, Gesetz und
Demokratie" statt, zu dem die Zweite Nationalratspräsidentin Barbara
Prammer ins Parlament einlud. Ziel der Veranstaltung sei es,
einerseits die Bedeutung Freuds als Kulturtheoretiker und
Sozialpsychologe darzustellen und andererseits den Dialog zwischen
Psychoanalyse und Politik zu vermitteln. Dabei komme man auch nicht
umhin, sich mit einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte
Österreichs zu befassen, betonte Prammer, zumal Freud – ebenso wie
sehr viele andere jüdische Mitbürger – aus seiner Heimat flüchten
musste. Deshalb freue sie sich außerordentlich darüber, dass
Professor John S. Kafka, der 1938 in die USA emigrieren musste,
heute einen Festvortrag hält.
Im Rahmen des Symposiums wurde auch die von Eveline List
herausgegebene Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit "Freud
und die Folgen" (Studienverlag) präsentiert, in der auf 184 Seiten
aus der Sicht zahlreicher Autoren die Bedeutung Freuds in den
verschiedensten Bereichen analysiert wird. List wies im Editorial
darauf hin, dass Sigmund Freud in Österreich traditionell zu wenig
beachtet werde – jedenfalls viel weniger als es seiner
internationalen Reputation entspricht. Im intellektuellen Leben und
besonders im universitären Betrieb seien seine Theorien kaum
vertreten; auch die Kenntnis der Schriften und erst recht das
Studium seiner Methode dürfte nur wenig verbreitet sein. In ihrem
Vortrag zum Thema "Das Gesetz und das Unbewusste" strich List
heraus, dass nur bei Vorhandensein von innerer und äußerer
Sicherheit die Menschen fähig sind, Gesetze zu akzeptieren und
kulturelle Grenzen zu beachten.
Gedanken über den "Nutzen der Psychoanalyse im politischen Alltag"
machte sich sodann die Analytikerin Sabine Götz. Psychoanalyse habe
immer etwas mit Politik zu tun, meinte sie, denn Vorstellungen
darüber, wie eine Gesellschaft sein soll, fließen auch in die Arbeit
der Therapeuten ein. Freud zählte die politische Arbeit bzw. das
Regieren – ebenso wie das Erziehen und das Analysieren - zu den drei
unmöglichen Berufen. Er begründete dies damit, dass alle drei Berufe
mit überaus hohen Anforderungen verbunden sind. Man erwarte sich von
jeweiligen Personen nämlich ein Übermaß an seelischer Stabilität und
menschlicher Korrektheit. Ihrer Ansicht nach sollten sich
Psychoanalyse und Politik dort treffen, wo es um dieselben Ziele
geht, also beim Schutz des Schwächeren, der Stärkung der Frauen und
dem Erlernen von Solidarität.
Professor John S. Kafka, der in Linz geboren wurde und 1938 in die
USA emigrieren musste, befasste sich mit der "Bedeutung
psychoanalytischer Einsichten für die Demokratie". Geprägt durch
seine eigenen persönlichen Erfahrungen befasste er sich intensiv mit
den Schicksalen jüdischer Flüchtlinge, "in denen etwas Tiefes
zerbrochen ist"; dies könne auch durch "psychoanalytische
Bedeutungen" nicht geheilt werden. Was den Zusammenhang zwischen
Demokratie und Psychoanalyse angeht, so handle es sich in beiden
Fällen um offene Systeme; und zwar offen für zukünftige
Entwicklungen und die Wahrheit der Vergangenheit. Es bestehe die
Möglichkeit, Situationen neu oder anders zu verstehen bzw. mit ihnen
umzugehen.
In beiden Bereichen müssen Wege gefunden werden, um die Kontinuität
des Gedächtnisses zu bewahren und um "Gedächtnismörder zu bekämpfen,
betonte Kafka. Eine lebendige Demokratie brauche ein ständiges
Rühren und Aufrühren, das sei das Kennzeichen einer offenen
Gesellschaft. Genauso wie in einer erfolgreichen Psychoanalyse
spiele auch in einer erfolgreichen politischen Debatte das Hin und
Her gegenseitiger Identifizierungen eine entscheidende Rolle.
Schließlich sprach Kafka noch die Denkmäler für Opfer an, die oft
ein besonders krasses Beispiel für eine organisierte Amnesie
darstellen, da sie von der Beschäftigung mit den Tätern ablenken.
Die besten Denkmäler seien seiner Auffassung nach wirksame Gesetze
im Sinne der Toleranz und der Meinungsfreiheit. Er dankte der
Nationalratspräsidentin für die Einladung, weil sie ihm damit etwas
österreichische Kontinuität in einem demokratischen Österreich
ermöglicht habe.
Sigmund Freud – Der Begründer der Psychoanalyse
Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 in Freiberg/Pribor in Mähren
geboren. Schon Anfang 1860 kam er mit einer der frühen
Migrationswellen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts osteuropäische
Juden auf der Suche nach ökonomischen und politischen Verbesserungen
in die Reichshauptstadt brachten, nach Wien, dessen intellektuellen
Ruf in der Welt er im folgenden Jahrhundert maßgeblich mitprägen
sollte, schreibt Eveline List im Vorwort zur Wiener Zeitschrift.
Freud, der Medizin studierte, verstand sich immer zuerst als
Forscher und bald als Begründer einer Wissenschaft mit vielfältigen
Anwendungsgebieten. Die eigensinnige Originalität seiner
Forschungen, die Konsequenz der Methodik und die besonderen Umstände
der Organisation der neuen Disziplin außerhalb der Universität
trugen gleichermaßen zu jener komplexen Vielfalt theoretischer und
methodischer Bausteine bei, die schließlich die Wissenschaft vom
Unbewussten begründete.
Im globalen Rahmen scheinen die Einsichten der Psychoanalyse längst
Teil des Allgemeinwissens zu sein; inzwischen sind etliche ihrer
Begriffe fest im Wortschatz des westlichen Alltagsjargons verankert.
Auch Politiker sprechen von "Verdrängung" oder von "Freud´schen
Versprechern". Die Wahrheit ist aber auch, dass psychoanalytische
Theoreme in aller Konsequenz und Radikalität recht selten Eingang in
den Wissenschaftsbetrieb oder gar in das Alltagswissen der Menschen
gefunden haben. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der Komplexität
der Konzepte, sondern auch – wie Freud selbst mutmaßte – in der
Kränkung der menschlichen Größensucht durch die Tatsache, dass die
psychologische Forschung dem Ich nachweisen will, dass es nicht
einmal Herr im eigenen Haus ist, sondern auf kärgliche Nachrichten
angewiesen bleibt von dem, was unbewusst in seinem Seelenleben
vorgeht.
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie – etwas
zeitverzögert – auf der Website des Parlaments im
http://www.parlament.gv.at/pls/portal/url/PAGE/SK/FOTOALBUM/:
http://www.parlament.gv.at (Schluss)
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