"DER STANDARD"-Kommentar: "Die Fortune des Alfred G." von Michael Völker

Wenn zum fehlenden Glück der SPÖ auch noch Pech dazukommt - Ausgabe vom 8./9.April 2006

Wien (OTS) - Alfred Gusenbauer kann nichts dafür. Er muss es nur ausbaden.
Den SPÖ-Chef trifft tatsächlich keine Schuld am Bawag- Skandal, aber die politische Verantwortung fällt auf ihn zurück, weil er eben der Parteichef ist und die SPÖ mit dem ÖGB und damit auch mit der Bawag eng verflochten ist. Einer, der direkte Verantwortung trägt, weil er involviert war, Entscheidungen getroffen hat und auf verschwörerische Weise Mitwisser war, hat bereits die Konsequenzen gezogen. Fritz Verzetnitsch ist zurückgetreten. Er hat sich aus der Schusslinie gebracht - oder wurde aus der Schusslinie gebracht.
Damit blieb Alfred Gusenbauer allein in der politischen Arena zurück. Als SP-Chef, der zuerst jeden Zusammenhang mit ÖGB und Bawag weit von sich wies, um dem ÖGB dann zu sagen, was er mit der Bawag tun soll. Dabei lief es zuletzt wirklich gut. Schon lange keine Pannen und Ausrutscher, die Regierung bot genügend Angriffsfläche und Stoff für heftige Attacken, die Sozialkompetenz war gut ausgebaut, die Abgrenzung zu den Grünen funktioniert einigermaßen und auch Alfred Gusenbauer selbst stand recht ordentlich da. Die Startklar-Tour war ein Erfolg, der SPÖ-Chef hatte auf seiner Ochsentour durch alle Bezirke des Landes nicht nur die Parteifunktionäre besucht, sondern auch Menschen kennen gelernt - und selbst gelernt. Nicht mehr der Ch´`ateau Lafitte aus Bordeaux oder der junge Pinot Blanc aus der Südsteiermark standen im Vordergrund, sondern harte politische Arbeit, draußen am Land, in der Parteizentrale in der Löwelstraße und im Plenum des Parlaments. Und die Partei, die Basis, war endlich ruhig gestellt. Die letzten Debatten über einen anderen Spitzenkandidaten als Gusenbauer liegen Monate zurück.
Jetzt muss sich Gusenbauer - und das ohne eigenes Zutun - mit dem Gedanken auseinandersetzen, ob ihn die Bawag-Affäre nur 20.000 Stimmen oder doch 120.000 Stimmen kosten wird - und damit vielleicht den Wahlerfolg, den er und seine Anhänger schon so sicher vor Augen hatten.
Natürlich ist Gusenbauer geschockt. Der Milliardenverlust der Bawag und die heimlich betriebene Haftung des ÖGB, die Spekulationsgeschäfte in der Karibik und das Versetzen des Streikfonds waren ein Rückschlag, mit dem Gusenbauer und das Team um ihn nicht gerechnet hatten. Wenn man kein Glück hat, kommt oft auch einmal Pech hinzu. Die ÖVP hatte schon darauf gewartet.
Und natürlich hat Gusenbauer gejammert. Dennoch versuchte der ÖGB mit ein paar flinken Manövern aus der Krise zu kommen und dem Thema die Brisanz zu nehmen. Der schnelle Wechsel an der Spitze des ÖGB war ein Resultat daraus, der Beschluss, die Bawag zu verkaufen, ein zweites. Das Manöver, sich als starken Mann zu präsentieren, misslang in diesem Zusammenhang aber: Den Verkauf der Bawag zu fordern, nachdem ihn der neue ÖGB- Präsident Rudolf Hundstorfer über genau jenen bevorstehenden Beschluss ins Vertrauen gezogen hatte, sorgte nur für Irritationen. Das Vertrauen wurde, wenn schon nicht missbraucht, so doch arg strapaziert.
Auch der ungeschickte Versuch, die gesamte Bawag-Affäre ausschließlich und ausgerechnet Finanzminister Karl- Heinz Grasser umzuhängen und daraus gar noch Kapital schlagen zu wollen, blieb daraufhin in seinen Ansätzen stecken. Die ersten Meinungsumfragen, die plötzlich wieder die ÖVP voran sahen, taten das ihre, um das rote Selbstvertrauen empfindlich zu trüben. Da zweifelten viele bereits an der politischen Fortune des SPÖ-Chefs.
Aber auch Gusenbauer weiß: Noch ist nichts verloren. Die Zeit bis zum Wahltag wird auch die Bawag-Wunden heilen. Wenn die SPÖ wieder aus der Defensive kommt, dann bietet diese Regierung in der Tat reichlich Anlass für politischen Widerspruch. Den muss Gusenbauer formulieren, und seine Partei muss darauf achten, dass ihr Chef dabei glaubwürdig wirkt. Dann darf, aus Sicht der SPÖ, nur kein Pech mehr passieren.

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