Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Rätselhafte Wirtschaft

"Moralische Verkommenheit", "Unkraut", "Doppelmoral": Höchste Zeit für ein Ende der ständigen verächtlichen Äußerungen Silvio Berlusconi über seine Gegner! Irrtum. Diese Zitate stammen nicht von ihm, sondern vom jüngsten Auftritt Alfred Gusenbauers. Wie italienisch wird der österreichische Wahlkampf werden?

Gusenbauer selbst wettert als Vorkämpfer der kleinen Leute derzeit mit Vorliebe gegen die großen Konzerne (was im 20. Jahrhundert schon allzu viele getan haben). Dass soeben die Tochter eines amerikanischen Multis zum besten Arbeitgeber Österreichs gewählt worden ist, muss er dabei allerdings übersehen. Ebenso wie den Zorn seines Parteifreundes im deutschen Finanzministerium darüber, dass Österreich mit seiner - von der SPÖ bekämpften - Steuersenkung für Konzerne so viele Arbeitsplätze nach Österreich holt.

Trotz Gusenbauers Absage an ökonomische Kausalitäten wollen wir ihm und seinen Freunden vom ÖGB (die ja derzeit gerade wieder von seiner UFO-Liste der Unbekannten Feindlichen Objekte gestrichen sind) heute zwei Ratschläge mitgeben. Die regelmäßige Leser von Wirtschaftsseiten allerdings nicht überraschen werden.

Erstens: Wenn man - richtigerweise - die Bawag verkaufen will, wäre jetzt der absolut schlechteste Zeitpunkt dazu. Denn für eine Bank, die Leichen im Keller hat, wird halt viel weniger bezahlt. Und zumindest die Ungewissheit, ob die Bawag nicht doch noch von den wenig zimperlichen US-Gerichten wegen ihrer dubiosen Geschäfte zur Mithaftung für die Refco-Pleite herangezogen wird, ist ein ziemlich furchteinflößendes Gespenst. Zweitens drückt das Zurückhalten einer Sperrminorität bei jedem Verkauf zu jedem Zeitpunkt den erzielbaren Preis gewaltig. Noch dazu, wenn es eine Gewerkschaft ist, die dieses Blockade-Instrument behält.

Aber vielleicht gehen die zwei Tipps von einer falschen Voraussetzung aus: nämlich davon, dass der ÖGB möglichst viel Geld für seine Bawag bekommen will. Nach den Erfahrungen der letzten Zeit bin ich mir da aber nicht mehr so sicher.

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