"Kleine Zeitung" Kommentar: "Jugendliche Unbeschwertheit in einer globalisierten Welt" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 06.04.2006

Graz (OTS) - Bruno Julliard, der Führer des französischen Studentenverbandes Unef, der der Regierung einen zweiten "schwarzen Dienstag" bereitet hat, will mit den Revolutionären des Jahres 1968 nichts zu tun haben. Schon rein äußerlich unterscheidet er sich: Er verhält sich immer korrekt und lehnt Gewalt ab. Er studiert auch nicht Philosophie, sondern das praktischere Jus. Die materiellen Sorgen vieler seiner Kollegen kennt er freilich nur vom Hörensagen, denn seine wohlhabenden Eltern finanzieren ihm das Studium.

Aber in seiner revolutionären Romantik lebt Julliard ganz in der französischen Tradition: "Wir fordern das Recht auf Unbeschwertheit", wie es noch die letzte Generation gehabt habe, schrieb er unter der programmatischen Überschrift: "Was wir wollen". Der Staat solle den jungen Franzosen eine monatliche "Autonomie-Zahlung" leisten, mit der sie ihre Jugendlichkeit leben könnten.

Den "Ersteinstellungsvertrag" CPE, den die Regierung im Schnellverfahren durch das Parlament paukte und damit einen wahren Orkan von Protest und Streiks auslöste, hat Julliard mit seinen Verbündeten in den Gewerkschaften zu Fall gebracht. Das Gesetz gilt zwar, aber selbst die Unternehmerverbände empfehlen ihren Mitgliedern, es nicht anzuwenden.

Der Studentenführer hat auch erreicht, zum Gesprächspartner der Regierungspartei zu werden. Er wird nicht dem Premierminister, den Präsident Chirac auf die Seite geschoben hat, sondern Innenminister Sarkozy gegenüber sitzen. Aber worüber will er reden?

Der CPE war dazu gedacht, jungen Leuten, die sonst keine Chance hätten, einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu öffnen. Er sollte nicht nur jenen Immigrantenkindern in den Vorstädten nützen, die im letzten Herbst mit einem Ausbruch von Gewalt ganz Frankreich erschüttert haben, sondern auch den Absolventen der vielen durchschnittlichen Universitäten, die zwar ein Diplom haben, das aber wenig wert ist.

Der strikte Kündigungsschutz gilt weithin als Einstellungshindernis. Eine Regelung ähnlich dem Vertrag, den die Franzosen ablehnen, hat die große Koalition in Deutschland in ihr Regierungsprogramm aufgenommen. Weitergehende Wünsche der Unionsparteien hat die SPD allerdings abgelehnt.

Über Reformen will Julliard aber gar nicht reden. Ihm geht es um anderes: Er demonstriert gegen die Regierung, die im nächsten Jahr abgewählt werden soll. Und er kämpft für eine möglichst lange unbeschwerte Jugendzeit, als ob es die Probleme der Pariser Vorstädte und die Globalisierung nicht gäbe. ****

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