ÖAMTC/ÄKVÖ-Symposium: "Risiko Schulweg" - Wo Verkehrssicherheit noch in Kinderschuhen steckt (Teil 1)

"Meistens schau' ich eh immer" - 2005 stieg die Zahl der getöteten Kinder unter 14

Wien (OTS) - 328 Kinder der unter 14-Jährigen wurden in den vergangenen zehn Jahren auf Österreichs Straßen getötet. Allein im Vorjahr starben 26 Kinder, elf als Pkw-Insassen, neun als Fußgänger und drei als Radfahrer. "Eine traurige Bilanz, die uns leider immer wieder vor Augen führt, dass noch lange nicht alles getan worden ist und wir vor einer großen Herausforderung stehen", erklärt ÖAMTC-Vizepräsident Harald Hertz in der Eröffnungsrede anlässlich des heutigen ÖAMTC/ÄKVÖ-Symposiums "Risiko Schulweg - Kinder im Straßenverkehr". Kinderpsychiater, Lehrer und Psychologen, Verkehrstechniker und Juristen versuchen das kindliche Erleben zu ergründen, befassen sich mit Unfallverhütung, technischen Maßnahmen und rechtlichen Möglichkeiten für mehr Sicherheit im Straßenverkehr.

Der ÖAMTC hat gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Info Research International Kinder zu ihrem persönlichen Schulweg befragt und erhoben, was den Kleinen Spaß macht, wovor sie Angst haben und was sie als bedrohlich oder gefährlich erleben. "Nur wenn wir die Besonderheiten im Erleben der Kinder und ihre Wahrnehmung richtig verstehen, können wir die Verkehrssicherheit für die jüngsten Verkehrsteilnehmer erhöhen", erklärt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Dora Donosa. Erstmals den Schulweg alleine zu bestreiten, erfüllt Kinder mit Stolz und sie wissen meist genau, worauf im Straßenverkehr zu achten ist: "dass man immer schauen muss", "man nur bei grün gehen darf" oder "dass man beim Ein- und Aussteigen in U-Bahn, Straßenbahn oder Bus aufpassen muss". Allerdings gilt ihre Aufmerksamkeit nicht nur den Gefahren im Straßenverkehr, oft sind Kinder am Schulweg mit ganz anderen Dingen beschäftigt und werden noch leicht vom Verkehrsgeschehen abgelenkt.

Vorbildwirkung spielt in der Verkehrserziehung eine wesentliche Rolle. So stellt der frühere Präsident des Stadtschulrates für Wien, Kurt Scholz, die Frage, ob Verkehrserziehung in der Schule überhaupt Sinn macht: "Wenn die Übertretung von Regeln - insbesondere im Straßenverkehr - gesamtgesellschaftlich mit Gleichgültigkeit akzeptiert wird, so wird die Verkehrserziehung in den Schulen zum Feigenblatt". Er sieht auch die Eltern gefordert. Die Schule hat in der Verkehrserziehung sehr wohl eine wichtige Funktion. "Diese ist aber untrennbar mit dem glaubwürdigen Verhalten von Eltern und Erwachsenen im Verkehrsalltag verbunden", so Scholz.

Früh übt sich - Gut geschulte Kinder sind die rücksichtsvolleren Autofahrer von morgen

Ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt nehmen Kinder am Straßenverkehr teil. "Zunächst passiv als Mitfahrer im Auto und im Kinderwagen. Dann erst lernen sie Schritt für Schritt auf eigenen Beinen den Straßenraum kennen. Anfangs noch in Begleitung eines Erwachsenen, aber spätestens mit Schuleintritt immer selbstständiger", erklärt Birgit Houdek, Leiterin der ÖAMTC-Kinder- und Jugendverkehrssicherheitsprogramme. Verkehrssituationen sind sehr komplex und für Kinder nicht immer leicht überschaubar. "Kinder müssen beim Überqueren der Fahrbahn nicht nur lernen, auf die Fußgängerampel zu achten, sondern auch auf ein eventuell abbiegendes Auto", sagt Houdek. Die Verkehrssicherheitsprogramme von ÖAMTC und AUVA stehen ganz unter dem Motto "Lernen durch Erleben", Selbsterfahrung, Einbeziehung der Eltern und praxisnahes Üben stehen im Mittelpunkt. "Nur wenn Kinder mit spielerischer Selbstverständlichkeit Sicherheit lernen, werden sie im Alltag, im Straßenverkehr und später im Erwachsenenleben damit besser umgehen können", ergänzt Mechthild Rotter, Expertin der AUVA für Schülerunfallverhütung und Sicherheitspädagogik.

Dass verkehrserzieherische Maßnahmen durchaus zu Erfolgen führen, lässt sich auch eindrucksvoll am "Schulverkehrsgarten Mariazeller Land" demonstrieren. Ziel des dort tätigen Vereins ist, durch intensives Üben Kinderverkehrsunfälle weitgehend zu verhindern und das beginnt bereits im Kindergarten. Der Erfolg spricht für sich. "In den vergangenen 20 Jahren ist in unserem Bereich kein Kind am Schulweg oder als Radfahrer bei einem Verkehrsunfall zu Schaden gekommen", erklärt Herbert Berger, Gruppeninspektor und Schulverkehrserzieher in Mariazell.

Trügerische Sicherheit - Auch ältere Kinder laufen blindlings über die Straße

"Leider wähnen sich aber Eltern und Kinder gerne in trügerischer Sicherheit", merkt Michael Höllwarth, Vorstand der Univ.-Klinik für Kinderchirurgie Graz, kritisch an. Während des ersten Schuljahres reduziert sich die Obsorge der Eltern. Wurde die erste Schulstufe ohne Verkehrsunfall überstanden, fühlen sich beide Seiten - Eltern und Kinder - sicher. "Vier Kinder starben 2004 am Schulweg. Das Hingehen zur und Weggehen von der Haltestelle birgt das größte Risiko. Denn auch ältere Schüler laufen noch quer über die Straße, wenn sie den Schulbus oder die Straßenbahn in der Haltestelle sehen und noch unbedingt erreichen wollen oder müssen", so Höllwarth.

Dass aber auch Erwachsene noch viel lernen müssen, demonstriert Silke Ruprecht, Projektleiterin von "Große schützen Kleine -Kärnten". Jährlich kontrollieren Kinder gemeinsam mit der Exekutive vor Kindergärten und Schulen die Kindersicherung in Autos. "Eltern, die ihre Kinder vorschriftsmäßig angurten, werden mit einer Rose belohnt. Jene, die die gesetzlichen Vorschriften missachten, bekommen eine Distel", erklärt Ruprecht. Die Bilanz ist weniger erfreulich. "Nur sieben von zehn Kindern sind gesichert. Und nur vier von diesen sieben letztlich auch vorschriftsmäßig."

"Das mangelnde Bewusstsein der Erwachsenen zeigt sich auch in der ersten Bilanz des seit 1. Juli 2005 geltenden Führerschein-Vormerksystems", erklärt ÖAMTC-Juristin Verena Hirtler. Nach einem halben Jahr hielt die Statistik bei 6.285 eingetragenen Delikten - fast die Hälfte davon (2.794) betrafen nicht oder nur schlecht gesicherte Kinder im Auto. Wer bei der Kindersicherung nachlässig ist, dem droht neben einer Vormerkung auch eine Verwaltungsstrafe - der Strafrahmen reicht dabei bis 5.000 Euro. Diese Vorschriften gelten auch für sogenannte "Gelegenheitsfahrten" oder Kurzstrecken. Wer zum Beispiel ausnahmsweise seinen Neffen oder das Nachbarskind von der Schule abholt, muss ebenfalls dafür sorgen, dass das Kind richtig gesichert ist.

Mobile Kinder - Radfahrer am gefährdetsten

Nicht zuletzt kommt auch der Verkehrstechnik eine wesentliche Rolle zu. "Aus technischer Sicht ist die Gruppe der radfahrenden Kinder am gefährdetsten, weil zum Energiepotenzial anderer Fahrzeuge noch die eigene Geschwindigkeit hinzukommt", erklärt ÖAMTC-Techniker Steffan Kerbl. Schutzmaßnahmen wie Helme, Handschuhe, Knie- und Ellenbogenschoner sind erforderlich.

Im Auto selbst werden die Kräfte, die bei Verzögerungen, wie Vollbremsungen oder Kollisionen auftreten, gerne unterschätzt", so Kerbl. "Die Verbindung Kind-Kindersitz-Fahrzeug muss so fest als möglich sein." Kinderrückhaltesysteme können Leben retten. Und auch außerhalb des Autos ist noch einiges zu tun. Zur Hebung der passiven Sicherheit kann vom Fahrzeughersteller verlangt werden, seine Fahrzeuge "fußgängerfreundlicher" zu gestalten, um so bei Kollisionen das Verletzungsrisiko zu senken.

(Schluss)

Rückfragen & Kontakt:

ÖAMTC-Öffentlichkeitsarbeit
Margret Handler
Tel.: +43 (0) 1 711 99-1218
pressestelle@oeamtc.at
http://www.oeamtc.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | OCP0001