"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der ÖGB scheitert an Barrieren, die er sich selbst errichtet" (von Claudia Gigler)

Ausgabe vom 04.04.2006

Graz (OTS) - Denjenigen, die an der Basis um Mitglieder werben,
ist als Erstes gedämmert, welcher Schaden der Gewerkschaft durch das Bawag-Debakel erwachsen ist: Der Glaube daran, dass die Gewerkschaft verlässlicher Anwalt der Arbeitnehmer ist, ist nachhaltig erschüttert worden. GPA-Chef Wolfgang Katzian, Nachfolger Fritz Verzetnitschs als Abgeordneter, krönte seine Jungfernrede im Parlament mit der Feststellung: "Um die Kampffähigkeit unserer Bewegung braucht sich niemand sorgen." Ein Irrtum, denn der Glaube ist die Basis der Macht.

Innerparteilich und interfraktionell mag sich die Macht der Gewerkschaft oder ihrer Teile auf Besitzstände gründen: ein gefüllter Streikfonds, Immobilien, eine Bank. Draußen an der Front, dort, wo es darum geht, die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten, sieht es anders aus. Dort gründet sich Macht auf effiziente Vernetzung, gezieltes Lobbying und Mobilisierungskraft.

Was die Vernetzung betrifft, so droht die Gewerkschaft, den Anschluss an die Wirtschaft zu verlieren. Die Organisationskraft der Arbeitnehmer bildete einst das Gegengewicht zu den isoliert operierenden Unternehmern. Sie hatte die Vergemeinschaftung von Grundrechten zum Ziel.

Heute fährt der Zug in die andere Richtung: Arbeitnehmer werden aus Kollektivverträgen herausgelöst und zu Einzeldienstverträgen genötigt. Branchen werden in Teilbereiche aufgesplittet, für die die Gewerkschaft keine Zuständigkeit hat oder für die sie jeweils gesondert verhandeln muss. Lohnabhängigkeiten werden, als Selbstständigkeiten getürkt, dem Wirkungsbereich des Angestelltengesetzes entzogen.

Während die Wirtschaft das Wissen um Machbares effizient unter die Leute bringt, hinkt die Gewerkschaft hinterher. Und sie scheitert an den Barrieren, die sie sich selbst errichtet. Das Wohl der Fraktionen ist zum Selbstzweck geworden. Fraktionelle Schranken und Teilorganisationsabgrenzungen, die kein Abbild, sondern ein Zerrbild der gelebten wirtschaftlichen Praxis sind, behindern den Wissensaustausch und vereiteln gezieltes Lobbying.

Gewicht und Mobilisierungskraft hängen ab von der Zahl der Mitglieder. Viele kehren dem ÖGB den Rücken, weil sie keinen Wert mehr für sich erkennen. Gusenbauer ging auf Distanz zum ÖGB, um keinen Schaden zu nehmen. Dem ÖGB müsste es noch eher ein Anliegen sein, sich von den Parteien zu emanzipieren und um sich selbst zu kämpfen. Eine starke Gewerkschaft ist wichtiger für die Balance in einer Gesellschaft als der Wahlsieg einer Partei. ****

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