Österreichs Banken sind besser als ihr Ruf

"Presse"-Leitartikel von Christine Domforth

Wien (OTS) - Warum Bawag und Hypo Alpe-Adria nicht typisch für die gesamte heimische Finanzbranche sind.

Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?", schrieb Bert Brecht im Jahr 1931 in seiner Dreigroschenoper. Die Bawag war damals übrigens bereits neun Jahre alt... Aufgrund der Skandale, die jetzt zwischen Karibik und Klagenfurt aufgebrochen sind, ist das Image der österreichischen Finanzbranche schwer angekratzt. Und nach dem Gesetz der Serie ist nicht auszuschließen, dass noch die eine oder andere bisher gut konservierte Leiche aus dem Keller einer Bank plötzlich ans Tageslicht kommt.
Landauf, landab sind die Bankkunden entweder verärgert oder besorgt. Trotz der riesigen Spekulationsverluste, die jetzt bei der Bawag und der Hypo Alpe-Adria aufgeflogen sind, sollte man aber die Kirche im Dorf lassen. Österreichs Geldinstitute sind um einiges besser als ihr derzeitiger Ruf. Das war freilich nicht immer so. Noch vor Jahren waren sie ertragsmäßig in Europa Schlusslicht. Doch in den vergangenen Jahren haben vor allem die Großbanken deutlich aufgeholt und stehen weit besser da als etwa die meisten deutschen Geldinstitute. Die historischen Chancen, die sich aus der Ostöffnung ergaben, wurden nicht verschlafen, sondern voll genutzt. Heute hat die heimische Finanzbranche sich in den Ländern Zentral- und Osteuropas eine starke Marktstellung aufgebaut und verdient in dieser Wachtumsregion gutes Geld. Das wird noch auf Jahre so bleiben.
Im Inland wird noch immer relativ wenig verdient. Davon profitieren freilich Österreichs Bankkunden, die für Kredite weniger zahlen und für Einlagen mehr kassieren als in anderen europäischen Ländern und für ihr Bankkonto deutlich weniger Gebühren abliefern müssen als beispielsweise in Italien.
Dass Banken Risken übernehmen und spekulieren, ist kein Problem -sondern eine ihrer Kernaufgaben. Von Spareinlagen und simplen Krediten allein kann heutzutage keine Bank mehr leben. Banken müssen auch spekulieren, und es wäre völlig falsch, alle modernen Finanzinstrumente wie "Swaps", Termin- oder Optionsgeschäfte grundsätzlich zu verteufeln.
Man muss alle diese Geschäfte allerdings beherrschen und genau wissen, wie weit man gehen kann. Wenn das interne Risikomanagement versagt, kann eine Bank binnen kürzester Zeit ins Trudeln geraten. Dass etwa eine Bank binnen zwei Wochen rund zwei Jahresergebnisse verzockt, wie das offenbar bei der Kärntner Hypo der Fall war, darf einfach nicht vorkommen. Ganz zu schweigen von der Bawag, wo der größte Wirtschaftsskandal der Zweiten Republik passierte - und ohne die Aufklärungsarbeit der Medien in den USA und in Österreich vielleicht nie ans Tageslicht gekommen wäre.
Finanzskandale können immer wieder vorkommen. Vor allem Betrugsfälle sind nie völlig zu verhindern, das weiß man spätestens, seitdem vor einigen Jahren Nick Leeson praktisch im Alleingang die britische Barings Bank versenkte. Es gibt allerdings Konstellationen, die für derartige Affären besonders anfällig sind. Vereine wie der Gewerkschaftsbund oder Bundesländer sind als Eigentümer von Geldinstituten besonders problematisch. Sie kümmern sich zu wenig um "ihre" Banken, solange nur die Dividende pünktlich überwiesen wird, Protektionskinder untergebracht und politisch erwünschte Deals finanziert werden. Bei börsenotierten Banken, die permanent im Visier von Investoren und Analysten stehen, wären Dinge wie sie jetzt bei der Bawag und in Kärnten und schon vor Jahren bei der Bank Burgenland aufgeflogen sind, entweder nicht passiert oder zumindest viel schneller entdeckt worden.

Bei Sparkassen, Raiffeisenkassen und Volksbanken wurden in der Vergangenheit die Probleme, die natürlich auch dort immer wieder vorkamen und vorkommen, "innerhalb der Familie" bereinigt. Damit Kunden nicht zu Schaden kommen, haften die Institute füreinander. Daher schaut man sich in diesen Sektoren schon aus Selbstschutz gegenseitig auf die Finger, um nicht im Fall des Falles zur Kasse gebeten zu werden.
Als Folge der jetzt aufgeflogenen Skandale wird allenthalben der Ruf nach noch strengeren Gesetzen und einer personellen Aufstockung der Finanzmarktaufsicht laut. Das ist zwar wie jede Anlassgesetzgebung problematisch und natürlich auch eine zusätzliche Kostenbelastung für alle Banken, wird aber wohl kommen müssen, um das Vertrauen der Bankkunden wieder herzustellen und das Image des Finanzplatzes Österreich wieder aufzupolieren.

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