WirtschaftsBlatt Kommentar vom 4.4.2006: Bawag: Die feinen Herren waren Zocker - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Der Begriff Casino-Geschäfte ist im Fall Bawag nicht nur bildlich zu verstehen, sondern durchaus wörtlich zu nehmen. Die Gewerkschaftsbank hat 1998 bekanntlich, gemeinsam mit den Casinos Austria und dem Finanzjongleur Martin Schlaff, im palästinensischen Autonomiegebiet einen riesigen Spieltempel errichtet. Das "Oasis" in Jericho, mittlerweile längst wieder zugesperrt, sorgte damals vom Start weg für wüste Spekulationen. In israelischen Zeitungen wurden vehemente Vorwürfe erhoben, dass sich die österreichischen Casino-Betreiber sowohl dem damaligen Palästinenserpräsidenten Yassir Arafat als auch dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon gegenüber finanziell erkenntlich gezeigt hätten. Konkrete Beweise konnten allerdings nicht vorgelegt werden.
Im Zuge des Bawag-Skandals ist das "Oasis" erneut aufgetaucht, wenn auch nur in einer unscheinbaren Nebenrolle. Günter Weninger gab bei seinem verzweifelten Outing zu Protokoll, dass für dieses Fehlinvestment allein 120 Millionen Euro wertberichtigt werden -dabei soll doch das gesamte Casino-Projekt angeblich bloss rund 35 Millionen Euro gekostet haben. Kernfrage: Wo ist die Differenz? Das kommerzielle Rätsel rund um diese Zockerei in Jericho wird umso grotesker, wenn man hört, dass der ÖGB noch dazu eine Haftungsgarantie abgegeben hat.
Bei der dubiosen Casino-Affäre, die nur ein Fiasko unter vielen war, hatte freilich weder Karibik-Spezialist Wolfgang Flöttl die Finger im Spiel, noch der frühere Refco-Chef Phillip Bennett, gegen den gestern der bislang einzige Haftbefehl erlassen wurde. Diese Causa hat vielmehr Ex-Bawag-Boss Helmut Elsner ganz allein auf seine Kappe zu nehmen. Er hatte sich immer schon mit Vorliebe Partner angelacht, die bestimmt keine Ganoven waren, sondern seriöse Herrschaften, grossteils in der anderen Reichshälfte daheim, wie etwa Ex-ÖVP-Chef Josef Taus oder Casino-General Leo Wallner. Letzterer hat gemeinsam mit der ÖGB-Bank, die ja völlig unnötigerweise an den Lotterien beteiligt ist, diverse raue Deals abgewickelt, die nicht immer von der feinen englischen Art waren. Diese Allianz der feinen Herren müssen Verzetnitsch & Co. letztlich völlig verblendet haben - denn sie haben nicht Feuer geschrien, obwohl die Bawag-Coups bisweilen zum Himmel stanken. Was dabei auffällt: Während Els-ner mittlerweile selbst von den SPÖ-Granden als zentraler Sündenbock abgestempelt wird, lobt ihn Leo Wallner immer noch über den grünen Klee.

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