"DER STANDARD"-Kommentar: "Machtspiele im Klub ÖGB" von Eva Linsinger

Ausgabe vom 30.3.2006

Wien (OTS) - Kür 1 ging flott: Nur 48 Stunden nach dem Rücktritt des alten hat die Gewerkschaft einen neuen Finanzchef bestellt. Wir sind handlungsfähig, gerade auch in der Krise, dieses Signal sollte deutlich ausgesandt werden. Allerdings: Auch der neue Finanzchef, Erich Foglar, saß wie der alte, Günter Weninger, im Aufsichtsrat der Bawag. Das nach dem Bawag-Köpferollen dringend benötigte Signal der Erneuerung ist also höchstens zur Hälfte gelungen - bisher.
Kür 2, die Auswahl des Präsidenten, wird zeigen, ob die Granden der Gewerkschaft über so viel Selbsteinsicht verfügen, die Krise auch als Chance zu nutzen. Denn wenige Eliten der Macht haben sich in den vergangenen Jahren als derart veränderungsresistent erwiesen wie die Spitze des ÖGB. Das zeigt sich schon allein daran, dass sie ein Altherrenklub ist: Die Frauenquote im Gewerkschaftspräsidium beträgt dürftige 20 Prozent. Durch Foglar sinkt immerhin der Altersschnitt -er ist mit 50 Jahren das jüngste Präsidiumsmitglied.
Derart homogene und geschlossene Zirkel bergen immer die Gefahr in sich, die Welt draußen zu vergessen. Das ist für eine "normale" Organisation schon schlimm genug, für eine Arbeitnehmervertretung aber besonders fatal. Dass der Gewerkschaft Jahr für Jahr tausende Mitglieder abhanden kommen, hat auch damit zu tun, dass der Klub ÖGB selbstherrlich mit sich selbst beschäftigt war. Machtspiele wie die zwischen Metall-Gewerkschaft und Privatangestellten um die Fusion sind zwar vielleicht ein spannender Krimi für Feinspitze der Gewerkschaftsstruktur - wirken aber auf alle Nicht-Insider abstoßend. Genau derartige Machtspiele prägen das Vorspiel zur Kür des neuen Präsidenten. Wenn es den derzeitigen Machern nicht gelingt, diese Sandkastenspiele hinter sich zu lassen, wird in der Gewerkschaft alles beim Alten bleiben. Und das wäre die kurzsichtigste Form der Krisenbewältigung.

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