Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Kein Charaktertest

Wien (OTS) - Gestern hieß die Devise der SPÖ noch: Wir haben nichts mit dem ÖGB zu tun. Heute ist sie einen Schritt weiter. Heute ist schon die Regierung am Debakel der Gewerkschaftsbank schuld. Nice try, sagt man in England. 2001 hätte aber jeder "Staatsstreich" gerufen, hätte die Regierung damals - auf Grund einer noch viel spärlicheren Informationslage als heute - die Bawag wirklich weitgehend enteignet, wie es die SPÖ nun rückwirkend verlangt.

Trotz der Verzweiflungsreaktionen sollte man im Urteil ruhigen Kopf bewahren: Auch die Kumulation von Bawag, Konsum und Amag heißt nicht, dass es in Gewerkschaft oder SPÖ überdurchschnittlich viele charakterlose Menschen oder hemmungslose Glücksritter gäbe. Die Partei der Unanständigen ist vielmehr gleichmäßig auf alle Lager verteilt.

Das Problem von ÖGB und SPÖ ist kein charakterliches, sondern ein intellektuelles. Wenn ein (ÖGB-)Aufsichtsrat seine Hauptsorge darin sieht zu fragen, ob die Bawag die Nachtruhe auch ordentlich einhält, dann wäre er in jeder Firma der Welt disqualifiziert. Es ist auch noch gar nicht lange her, dass der ÖGB-Chef gemeint hat, er und nicht der Markt bestimme die Höhe der Sparbuchzinsen.
Ebenso ist es ein Zeichen von Realitätsverlust, dass die ÖGB-Bank über Jahrzehnte so tun musste, als kämen Kunden sowohl auf der Einlagen- wie auf der Kreditseite bei ihr besser weg. Man ist Opfer der eigenen Propaganda geworden, die der "Wirtschaft" immer unterstellt hat, sich auf Kosten der Werktätigen maßlos zu bereichern. Da mag ein schlichter Gewerkschafter schon glauben, dass die Bawag sowohl für Sparer wie Kreditnehmer die freundlichste sein kann. Das Management wusste zwar, dass das so nicht geht. Da aber Vorständen, die gleichzeitig auch noch den vorbildlichen Arbeitgeber spielen sollten, der eigene Posten sehr lieb war, versuchten sie im Spielkasino der internationalen Finanzspekulation dennoch die finanzielle Quadratur des politischen Kreises.
So wie es einst Verstaatlichten-Manager in Linz gemacht hatten. Bis sie zu Lasten der Steuerzahler bei Ölspekulationen Milliarden vernichtet hatten.

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