"Kleine Zeitung" Kommentar: "Mit dem roten Riesen wankt auch sein siamesischer Zwilling" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 28.03.2006

Graz (OTS) - Innerhalb von 24 Stunden waren Macht und Amt
verloren. Fritz Verzetnitsch, der noch am Sonntag auf die Frage nach dem Rücktritt mit der barschen, ja trotzigen Gegenfrage: "Warum sollte ich?" geantwortet hat, räumte am Montag seine Sessel im Gewerkschaftsbund und auch im Parlament. Eine lange und steile Karriere ist über Nacht zu Ende gegangen. Dem Rücktritt haftet eine persönliche Tragik an, er war jedoch aus politischen und moralischen Gründen unvermeidbar geworden.

Tragisch, weil Verzetnitsch fester denn je im Sattel zu sitzen schien. Die Schwächephase zur Zeit der Wende vom roten zum schwarzen Bundeskanzler war überwunden. Der ÖGB-Präsident konnte mit einem -trotz Warnstreiks und Demonstrationen - moderaten Oppositionskurs die Reihen schließen. Genützt hat ihm dabei die Uneinigkeit der Kapos in den Fachgewerkschaften, die sich Diadochenkämpfe um die Nachfolge lieferten. Die Wiederwahl beim ÖGB-Kongress im Herbst 2007 galt als sicher. Verschiedentlich wurde Verzetnitsch sogar als Alternative zu SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer gehandelt.

Alles wäre gut gegangen, hätte nicht die Verhaftung eines Wallstreet-Finanzhais die Leichen aus der Karibik ans Land gespült. Was bisher an Verfehlungen bekannt und an Verlusten zugegeben wurde, ist wohl nur ein Teil der Wahrheit. Die Finanzmarktaufsicht und die Staatsanwaltschaft haben die Spur aufgenommen, um Licht ins Dunkel der Haftungen, Kreditgewährungen und Wertberichtigungen zu bringen. Die Steuerbehörde wird prüfen, ob es zulässig war, die geheimen Schätze des ÖGB in einer Privatstiftung vor dem Zugriff des Fiskus zu verstecken. Der Bawag-Skandal ist noch lange nicht ausgestanden, die Folgeschäden werden groß sein.

Verzetnitsch hat versucht, alles unter den Teppich zu kehren. Ob bei der Verpfändung des Streikfonds die gesetzlichen und statutarischen Bestimmungen eingehalten wurden, wird sich zeigen. Nicht länger zu vertuschen oder zu verharmlosen war aber, dass der Präsident den Gewerkschaftsbund getäuscht und dessen Mitglieder genarrt hat. Wer gegen "Heuschrecken" auftritt, kann nicht Geschäfte dulden, vor denen die waghalsigsten Hasardeure zurückschrecken, wenn sie ihr eigenes Geld riskieren. Kapitalismus auf fremde Rechnung - das passte ins Sittenbild wie das Penthouse des Arbeiterführers auf dem Dach der Gewerkschaftsbank.

Der "rote Riese", wie der ÖGB einst stolz genannt wurde, wankt. Und mit ihm wackelt auch die SPÖ, der siamesische Zwilling. ****

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