Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten

"Presse"-Leitartikel von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Der ÖGB hat nichts mit der SPÖ zu tun. Wer anderes behauptet, hat wohl in Lopatkas Giftküche gegessen.

Da haben die österreichischen Sozialdemokraten aber Glück gehabt. Man stelle sich vor, zwischen ÖGB und SPÖ bestünde ein engerer Zusammenhang: Das hätte katastrophale Auswirkungen auf den beginnenden Nationalratswahlkampf haben können. Da kann man nur froh sein, dass in Österreich so genau zwischen Parteipolitik, parlamentarischer Debattenkultur, Regierungspolitik und Interessenvertretungen unterschieden wird. Das eine hat mit dem anderen in der Regel nichts zu tun, unser politisches System kann es, was die politische Hygiene betrifft, mit jedem Hochsicherheitslabor aufnehmen. An der chinesischen Mauer zwischen Parteien und Interessenvertretungen, die seit Jahrzehnten einen wesentlichen Beitrag zur politischen Kultur dieses Landes leistet (das jedenfalls stimmt sicher), wird jeder zerschellen, der jetzt einen Zusammenhang zwischen Bawag-Skandal und SPÖ konstruiert.
Ungefähr so - also wie immer in letzter Zeit mit einem leicht kalinesk-kronetären Einschlag versehen - klingen die Erklärungen der Sozialdemokraten zur ÖGB-Bewag-Refco-Affäre. Das ist nicht weiter verwunderlich: Würde demnächst bekannt, dass die Wirtschaftskammer als Bürge für faule Milliarden-Kredite, die Raiffeisen an weißrussische Ikonenmaler vergeben hat, gehaftet hat, könnte der Bundeskanzler vermutlich auch nicht auf Anhieb sagen, was man unter dem Kürzel WKO zu verstehen hätte. Mehr privat, weniger Staat, nicht wahr?
Unglücklicherweise sind die "Alles dufte"-Schwaden, die am Tag der Katastrophe aus der SPÖ-Zentrale in der Löwelstraße wehen, ein bisserl dünn in der floralen Substanz. Man fragt sich zum Beispiel, wer denn das ganze Wochenende über auf dem ÖGB-Chef gekniet sein mag, um ihn zum Rücktritt als ÖGB-Präsident und zum Verlassen des Nationalrates zu überreden, nachdem er noch am Samstag gemeint habe, es gebe für einen solchen Schritt überhaupt keinen Grund.

Der Bundespräsident etwa in seinem seit Jahrzehnten jede Parteiräson überwiegenden Interesse an der Instandhaltung des moralischen Staatsganzen? Vielleicht. Der Kanzler, auch aus der eigenen politischen Biografie heraus ein besonders glaubwürdiger Vertreter der strikten Trennung zwischen Partei und Interessensvertretung? Eher nein, er würde vermutlich Verzetnitsch in alter Freundschaft zum Bleiben überredet haben. Schließlich will er sein Amt behalten. So werden es also doch entweder der präsumptive SPÖ-Spitzenkandidat Alfred Gusenbauer oder der Wiener Bürgermeister Michael Häupl als eigentlich Mächtiger der österreichischen Sozialdemokratie gewesen sein, die Fritz Verzetnitsch bei seiner Reflexion der aktuellen Situation mit freundschaftlichen Ratschlägen unterstützt haben. Nachdem Häupl eindeutig über das größere Lebendgewicht verfügt, und zwar in jeder Hinsicht, wird man nicht viel Geld verlieren, wenn man darauf wettet, dass er den größeren Großteil des vergangenen Wochenendes auf dem Brustkorb des inzwischen politisch verwichenen Gewerkschaftsbosses verbracht hat.
Ist aber letztendlich auch egal, die ganze Geschichte hat bekanntlich mit der Sozialdemokratie nix zu tun. Wer ein solches Gerücht verbreitet, hat sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Giftküche des Doktor Lopatka mit einem Großarsenal unerlaubter Wahlkampfsubstanzen eingedeckt und kann den großen Biowaffenangriff nicht mehr erwarten.
Sorry, Joe Kalina & Co.: Auch wenn man die Bereitschaft der großen Regierungspartei, für den Machterhalt auch den einen oder anderen Punkteabzug in Sachen intellektuelle Redlichkeit und politische Eleganz zu riskieren, nicht unterschätzen soll - diese Stinkbombe fällt unter friendly fire.

Gestern allerdings hat sich die Indizienlage wieder leicht zu Gunsten der SPÖ verschoben: die Idee, Verzetnitsch vorübergehend durch den fabelhaften Vorsitzenden der Gemeindebedienstetengewerkschaft zu ersetzen, dessen Hauptverdienst darin besteht, die Privilegien der Wiener Magistratsbeamten durchgedonnert zu haben, von denen der durchschnittliche Gemeindeangestellte außerhalb des Verwaltungshydrozephalus nur träumen kann und sich der österreichische Normalmensch ohnehin keine Vorstellung macht - eine derartige Gemeinheit würde das Bosheitspotenzial der Staatspartei SPÖ bei weitem übersteigen.
Rein hypothetisch natürlich. Weil der Zusammenhang zwischen ÖGB und SPÖ ja in der politischen Realität nicht existiert.

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