Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Schuld und Sühne

Ist das der Tag, ein gutes Wort über Fritz Verzetnitsch fallen zu lassen? Nun, in einem gern gegen den Strich bürstenden Tagebuch muss auch dafür Platz sein: Wenn man etwa in Deutschland oder Frankreich sieht, wie viel schädlichen Unsinn Gewerkschaften anrichten können, dann ahnt man, dass der persönliche Beitrag des Fritz V. für den Zustand dieses Landes alles in allem doch ein positiver war. Wenn in Österreich die Arbeitslosigkeit nicht so hoch ist wie anderswo, dann hat der ÖGB etliches dazu beigetragen. Denn die Arbeitslosigkeit in Industrieländern hat ja heute eine Hauptursache: den zu großen Erfolg der Gewerkschaft im Kampf um die (Vor-)Rechte der Besitzer eines Arbeitsplatzes; dieser Erfolg führt aber unweigerlich dazu, dass immer seltener Arbeitgeber bereit oder imstande sind, neue Arbeitsplätze zu finanzieren.

Weniger Lob verdient Verzetnitsch für seinen Entschluss zurückzutreten. Denn seine Partei hat ihm ja aus verständlichen Gründen gar keine Wahl gelassen: In einem Wahljahr muss den erzürnten Kollegen und Genossen dringend ein Sündenbock vorgeworfen werden; auch scheint die Gefahr eines Strafprozesses gegen den ÖGB-Boss a.D. eine sehr reale zu sein. Man macht sich nämlich - was viele übersehen - nicht nur dann strafbar, wenn tatsächlich Schaden eintritt; beim Umgang mit fremdem Geld ist überdies auch die Einhaltung sehr genauer Formregeln vorgeschrieben.

Wenig Lob haben sich ÖGB und Bawag - und ebenso Finanzmarktaufsicht und Staatsanwaltschaft - in Sachen Transparenz oder Recherche erworben: Denn praktisch alles in diesem offenbar unendlichen Filz wurde von den USA her aufgedeckt. Hierzulande hat man offenbar nie so genau hingeschaut, auch nicht bei der letzten Bawag-Krise im Herbst.

Schon aus diesem Grund hat die Bawag heute wohl nur dann eine Chance, das nötige Vertrauen wieder zu erlangen, wenn sie rasch verkauft wird - und zwar zur Gänze. Einen Dummen, der sich mit 49 Prozent einem Mehrheitseigentümer ÖGB unterwirft, wird man wohl nicht mehr finden.

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