Erinnerung an Erika Mitterer im Hohen Haus Österreichische Schriftstellerin wäre heuer 100 geworden

Wien (PK) – Aus Anlass des 100. Geburtstages der österreichischen Schriftstellerin Erika Mitterer lud Nationalratspräsident Andreas Khol heute gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und der Erika Mitterer Gesellschaft zu einer Gedenkveranstaltung mit Lesung von Texten der Autorin ins Hohe
Haus. An dem künstlerischen Abend nahm ein ebenso zahlreiches wie distinguiertes Publikum teil, darunter auch die Präsidentin des Bundesrates, Sissy Roth-Halvax.

Andreas Khol begrüßte die Anwesenden zu dieser Lesung aus Anlass des 100. Geburtstages von Erika Mitterer. Die Österreichische Gesellschaft für Literatur habe eine ganze Woche in den Dienst
der Erinnerung an diese große österreichische Schriftstellerin gestellt, und er, Khol, freue sich, dass der Startschuss zu
dieser Novene hier im Hohen Haus erfolge.

Khol erinnerte daran, dass Mitterer anlässlich der Verleihung des Großen Goldenen Ehrenzeichens mit dem Stern Klopstock
angesprochen und gemeint habe, Dichter wollten weniger geehrt, dafür aber mehr gelesen sein, und in diesem Sinne, so Khol, sei
es erfreulich, dass Mitterers Hauptwerk "Der Fürst der Welt" eben wieder neu aufgelegt worden sei.

Marianne Gruber von der OGL sprach sodann einleitende Worte. Sie ließ das Leben Mitterers Revue passieren und ging dabei insbesondere auf den Roman "Der Fürst der Welt" ein, dies zu Betrachtungen über die Zeit des Nationalsozialismus und den
Umgang mit ihr nutzend. Mitterers Anliegen sei es gewesen, die Erinnerung wach zu halten, schloss Gruber. Anschließend las Kammerschauspielerin Marianne Nentwich Texte der Autorin.

Erika Mitterer 1906-2001

Erika Mitterer wurde am 30. März 1906 in Wien geboren und wuchs
in Hietzing auf. Ihre schulische Ausbildung absolvierte sie am Mädchenlyzeum, anschließend besuchte sie Fachkurse für Volkspflege, um schließlich 1926 als Säuglingspflegerin nach
Tirol zu gehen. Die soziale Fürsorge sollte Mitterer zeitlebens
ein wichtiges Anliegen bleiben, immer wieder arbeitete sie in
diesem Berufsfeld, so später auch im Burgenland und in Oberösterreich, zumal sich Mitterer relativ spät dazu entschloss, ihren Unterhalt allein aus ihrer schriftstellerischen Arbeit beziehen zu wollen.

Die Liebe zur Literatur war in Mitterer freilich schon sehr früh erwacht. Kaum 18-jährig schrieb sie ihren ersten Gedichtbrief an den Dichterfürsten Rainer Maria Rilke, der ihr prompt antwortete. Daraus entstand ein innige Brieffreundschaft, die im November
1925 auch zu einer persönlichen Begegnung führte, als Mitterer drei Tage bei Rilke zu Gast in Italien weilte. Später sollte Mitterer eine ähnlich intensive Freundschaftsbeziehung zu Stefan Zweig eingehen.

1927 übersiedelte Mitterer zu Studienzwecken nach Heidelberg, wo sie unter anderem bei Karl Jaspers Philosophie hörte. Im selben Jahr erschien in der "Neuen Freien Presse" Mitterers erstes publiziertes Gedicht, was sie dazu ermutigte, sich auch in
anderen literarischen Genres zu versuchen. Nach ihrer Rückkehr
von einem Studienaufenthalt in Paris 1928 verfasste sie ihren
ersten Roman, "Entzauberung", ehe sie sich wieder der Lyrik zuwandte. 1930 erschien ihr Gedichtband "Dank des Lebens", ihr erstes eigenes Buch. Im selben Jahr arbeitete sie zudem an einem Theaterstück über Charlotte Corday, die Mörderin des Revolutionärs Jean Paul Marat. Zu dieser Zeit schloss Mitterer
auch Freundschaft mit Ricarda Huch und Lou Andreas-Salome.

Die nächsten zehn Jahre sollten fraglos zu den fruchtbarsten in Mitterers Schaffen zählen, wenngleich dies vorerst nicht allzu offensichtlich werden sollte – bis 1940 erschien nur ein einziges weiteres Werk, der Gedichtband "Gesang der Wandernden" (1935).
Seit 1931 aber arbeitete Mitterer an einem Roman, der schließlich ihr Opus Magnum werden sollte: "Der Fürst der Welt".

Der Fürst der Welt

Die Vorarbeiten zu Mitterers Hauptwerk reichen ins Jahr 1931 zurück. In ihrem Roman "Wir sind allein" nimmt Mitterer vieles
von jenen Themen vorweg, die "Der Fürst der Welt" prägen wird.
Ihr Hauptwerk hat die Autorin in der Zeit der großen geistigen
und politischen Umwälzungen um 1500 angesiedelt, Schauplatz der Handlung ist Süddeutschland. In einer Stadt halten der Geist der Neuzeit, des Humanismus, aber auch des Merkantilismus Einzug, was auf den heftigen Widerstand jener stößt, die sich der mittelalterlichen Welt verpflichtet fühlen. Mit den Mitteln der Inquisition soll die alte Ordnung wiederhergestellt werden, was
die Bewohner des Ortes, alle auf ihre Weise, in einen Strudel von Katastrophen reißt, in dem das Böse allüberall die Oberhand gewinnt. Eine Kette von Verdächtigungen, Anschuldigungen,
Verhören und Folterungen bedroht jeden einzelnen und zwingt ihn, Stellung zu beziehen.

Genau ob dieses Themas wurde "Der Fürst der Welt" nach 1945 zu einem Schlüsselwerk über den Nationalsozialismus erklärt. Mitterer gilt seitdem als die bedeutendste Vertreterin der verklausulierten Kritik am NS-Regime, mithin als Protagonistin
der so genannten "inneren Emigration". Dennoch konnte der Roman während der NS-Zeit erscheinen, da die Nationalsozialisten das gnadenlose Vorgehen der Inquisitoren und die unbarmherzige Verfolgung der Bevölkerung durch die kirchlichen Würdenträger nicht als verdeckte Kritik am Nationalsozialismus, sondern als offene Kritik an der Kirche verstanden, weshalb sie das Buch
sogar propagierten. Binnen weniger Monate nach der
Veröffentlichung 1940 waren 50.000 Exemplare verkauft, es erschienen sogar noch während des Krieges Übersetzungen in andere Sprachen.

Unterstützt wurde diese Fehlinterpretation der
Nationalsozialisten durch den positiv stimmenden Ausklang des Romans, in dem all das Hässliche, Bedrückende, Gemeine und Niedrige, all die Grausamkeit, Unbarmherzigkeit und Niedertracht durch den liebevollen Zusammenhalt der Betroffenen, die durch die Liebe Verworfenheit, Inhumanität und Selbstsucht hinter sich lassen, überwunden wird, was von den Nationalsozialisten als Würdigung ihres Konzepts der Volksgemeinschaft missverstanden wurde.

Die von Mitterer aufgeworfenen Fragen machen "Der Fürst der Welt" auch heute noch zu einem hochaktuellen Werk, zeigt der Roman doch eindrucksvoll, wie eine Gesellschaft unmerklich in ein
totalitäres System abgleiten kann, in dem die Herrschenden vollständige Kontrolle über das Volk erlangen und ihm ihren
Willen aufzwingen, ohne dass die Menschen dem Wirkungsvolles entgegenzusetzen hätten. "Der Fürst der Welt" ist mithin ein Plädoyer an Geist und Seele, sich nicht mit den Widrigkeiten des Seins abzufinden und mutig für seine Überzeugungen einzustehen, auch wenn die Konsequenzen noch so bedrohlich scheinen. Denn es
ist die Liebe, die dem Einzelnen hilft, den Weg zu gehen, denn
auch wenn es in der dunkelsten Stunde scheint, als ginge man ihn allein, so ist da dennoch eine heilende Kraft, die über uns wacht und uns die helfende Hand reicht auch in der Stunde, da die Not
am höchsten scheint. Aus dieser Erkenntnis erwächst freilich auch Verantwortung, aus der die Autorin ihre Leser auch nicht entlässt – damals ebenso wenig wie heute.

Nach dem Krieg

Mitterer zählte zu den ersten, die nach 1945 ihre Publikationstätigkeit wieder aufnahmen. Bereits Anfang 1946 erschien ihr dritter Gedichtband "Zwölf Gedichte", ein Zyklus,
der sich mit den 12 Jahren der NS-Diktatur auseinandersetzte,
womit Mitterer literarisches Neuland betrat und der Wahrheit eine Gasse schlug, in die ihr vorerst nur allzu wenige folgten.
Immerhin würdigte die Stadt Wien ihre diesbezüglichen Bemühungen und verlieh ihr 1948 den "Preis der Stadt Wien".

Zwischen 1951 und 1953 erschienen in kurzer Folge drei weitere Romane, "Die nackte Wahrheit", "Kleine Damengröße" und "Wasser
des Lebens", gleichzeitig gewann Mitterers Beziehung zu Rilke erstmals auch wissenschaftliches Interesse, was einige
Publikationen zum Thema auch im Ausland zur Folge hatte. Daneben blieb Mitterers Schaffen ungebrochen intensiv, nach einem
weiteren Gedichtband 1956 erschien 1958 ihr fünfter Roman "Tauschzentrale", ehe 1964 eine Neufassung ihres Hauptwerks
verlegt wurde.

Erst Ende der sechziger Jahre begann Mitterer ein wenig kürzer zu treten, so publizierte sie fünf Jahre nach der Neuausgabe von
"Der Fürst der Welt" eine Sammlung von Erzählungen und 1970 bzw. 1974 zwei weitere Gedichtbände. 1985, in jenem Jahr, in dem sie
das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst erhielt, veröffentlichte sie einen weiteren Gedichtband, "Das verhüllte Kreuz", acht Jahre zuvor war ihr letzter Roman "Alle unsere Spiele" erschienen.

Spielten religiöse Themen stets eine nicht unwichtige Rolle in Mitterers Werk, so vollzog sich allmählich auch innerlich ein Wandel in Mitterer. 1965 konvertierte sie vom Protestantismus zum Katholizismus, um sich in der Folge intensiv in der Laienbewegung
zu engagieren. Sie ging auf zahlreiche Wallfahrten (u.a. nach Lourdes), beteiligte sich an Aktionen wie "Fasten für den
Frieden" und arbeitete ehrenamtlich für die Telefonseelsorge.
Ihre Haltung vertrat Mitterer konsequent, und so trat sie 1984
aus dem P.E.N.-Club aus, nachdem dieser ihrer Meinung nach nicht entschieden genug gegen die "Blasphemie" von Herbert
Achternbuschs "Das Gespenst" protestiert habe. Erst 2000
versöhnten sich P.E.N. und Mitterer, und sie wurde wieder
Mitglied.

1987 übersiedelte Mitterer nach langen Jahren, in denen sie auf
der Wieden in der Rainergasse gewohnt hatte, in ein Pflegeheim,
wo sie im Alter von 95 Jahren im Oktober 2001 starb. Bald nach
ihrem Tod wurde in Hietzing eine öffentliche Verkehrsfläche nach ihr benannt, seit dem Vorjahr ziert ihr ehemaliges Wohnhaus auf
der Wieden eine Gedenktafel.

Mit der heutigen Veranstaltung im Hohen Haus wurde ein
mehrtägiges Symposion des Titels "Das Jahrhundert der Ideologien
im Spiegel der österreichischen Literatur" eröffnet, das sich ab morgen mit den verschiedenen Aspekten des Werks von Erika
Mitterer befassen wird. So steht am Dienstag Vormittag ihr Briefwechsel mit Rilke und ihr Wirken während der NS-Zeit, insbesondere die in ihrem Roman "Der Fürst der Welt" zum Ausdruck kommende "innere Emigration" Mitterers, im Mittelpunkt des Symposions, während der Mittwoch weiteren literarischen Themen
aus der Epoche gewidmet ist. Die Vorträge finden im Palais
Wilczek in der Wiener Herrengasse in den Räumlichkeiten der OGL statt. (Schluss)

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