Österreichischer Journalistenbarometer - Teil 3

"Wie unabhängig sind die österreichischen Journalisten?" Redaktionelle Freiheit im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten Wien (OTS) - Gemeinsam mit dem innovativen Markt- und Meinungsforschungsinstitut Marketagent.com hat Ecker & Partner den "Journalistenbarometer" entwickelt, der regelmäßig die Befindlichkeit der österreichischen Journalisten abfragt und wesentliche Veränderungen anzeigt.

Der mittlerweile dritte Journalistenbarometer befasst sich mit Fragestellungen rund um die Einflussnahme im Redaktionsalltag und versucht diesmal, Antworten auf komplexe emotionale Themen wie Meinungsfreiheit und persönliche Werte von den Journalisten zu bekommen. Mit der Fortsetzung der Umfrage 2006 wollen die Initiatoren, Mag. Thomas Schwabl von Marketagent.com und Mag. Dietmar Ecker, Geschäftsführer von Ecker & Partner, derzeit heiß diskutierte Fragestellungen beantworten.

Der Journalistenbarometer 2006 dreht sich um die Frage der Unabhängigkeit der Journalisten im Arbeitsalltag. Dietmar Ecker: "Vor dem Hintergrund der Diskussionen rund um den Karikaturenstreit hat uns die Sichtweise und die Befindlichkeit der österreichischen Journalisten interessiert. Wir wollten wissen, wie die redaktionelle Auswahl von Themen passiert und durch welche Umstände diese determiniert wird".

"In den Ergebnissen findet man sehr schön die Gratwanderung der täglichen journalistischen Arbeit wieder: Zum einen gibt es die Suche und das Verlangen nach einer Story mit "News-Wert", auf der anderen Seite müssen aber verantwortungs- und respektvoll verschiedenste Interessen berücksichtigt werden", so Thomas Schwabl von Marketagent.com

Österreichs Journalisten: 15,3 % fühlen sich "völlig unabhängig und frei"

Der Journalistenbarometer 2006 zeigt eine Reihe interessanter Ergebnisse: So geben nur 15,3 % der Journalisten auf einer 10-stufigen Skala an, dass sie völlig alleine und unabhängig entscheiden, worüber sie schreiben.

Parallel ist es eine Mehrheit der Journalisten (73,1 %), die zwischen 1 und 4 abstimmen, was den Grad der Fremdbestimmung ihrer täglichen Arbeit betrifft. 26,8 % fühlen eine stärkere oder starke Einflussnahme auf die Wahl ihrer Themen und ihrer Berichterstattung, nur 1,2 % geben dabei an, "sehr eng" an Vorgaben gebunden zu sein, knapp 10 % kreuzen mit 5 den Mittelwert an.

Erwartungsgemäß steigt der Grad der Unabhängigkeit im Alter: 29,3 % der über 50jährigen fühlen sich völlig unabhängig, dem gegenüber steht ein Wert von nur 3,6 % bei den 20-29jährigen.

Überwiegende Einflussnahme aus den eigenen Reihen

Woher kommt diese Einflussnahme auf Ihre tägliche Arbeit als Journalist? 64,4 % der Journalisten beantworten diese Frage klar:
Intern, das heißt innerhalb des eigenen Unternehmens wird der Druck ausgeübt, der zu Veränderungen bei der Auswahl der Themen im Redaktionsalltag führen kann. 29,8 % sehen Einflussnahme von sowohl intern als auch extern, nur 2,9 % ausschließlich von externer Seite.

Auf einer 5stufigen Skala wird das Ausmaß in dem dieser Druck erlebt wird als überwiegend gering oder sehr gering (gesamt 60,9 %) erlebt, 36,1 % geben hier durchschnittlich bis stark an, nur 2 % werten die Einflussnahme für sich persönlich als sehr stark.

Chefredakteure bestimmen Themen

Den Redaktionsalltag in Österreich bestimmen die Chefredakteure als Blattmacher ihrer Medien und entscheiden damit die Auswahl der Themenstruktur der einzelnen Ressorts. Fast die Hälfte der Befragten (48,3 %) nennt den Chefredakteur als Einflussfaktor auf ihre Arbeit und die Auswahl der eigenen Themen. Erstaunlich: Bereits an zweiter Stelle, dicht auf mit 30,2 % folgen die Anzeigenkunden, die Themen mitbestimmen wollen, gefolgt von Agenturen und Pressesprechern (29,8 %), Ressortleitern (28,8 %) und Herausgebern (24,9 %). Es folgen der Eigentümer mit 21 % gleich auf mit der Politik (21 %). Interessant ist, dass Interessensvertretungen (18 %) und Leser, Hörer, Seher (12,7 %) eher weniger Bedeutung haben, dafür prominente Persönlichkeiten (11 %) vergleichsweise stark ins Gewicht fallen, wenn es um die Auswahl von Themen geht. Religiöse Stellen sind mit 2,4 % wenig bedeutend für den Redaktionsalltag.

50% müssen sich fallweise oder oft beugen: Mehrheit "muss Thema bringen"

Die wenigen Journalisten, die sich als nicht völlig unabhängig bezeichnen (15,3 %) geben an, dass sie sich oft (12,7 %) oder fallweise (37,1 %) interner oder externer Einflussnahme beugen müssen. Damit ist das Verhältnis zu unabhängigen und Journalisten, die eine Einflussnahme wahrnehmen sehr ausgewogen: 43,9 % sagen, dass sie sich selten, 5,4 % dass sie sich nie beugen bzw. ihre Themenauswahl ändern müssen. Oft wird weniger von Einflussnahme als von "Diskussion" über Stichhaltigkeit der Argumentation und Meinungsaustausch gesprochen, die beispielsweise mit dem Chefredakteur stattfindet.

Mehrheitlich (62,9 %) wird die Art und Weise der Einflussnahme beschrieben mit "Muss bestimmtes Thema auf jeden Fall bringen" oder "Muss bestimmte Bereiche umformulieren" (26,3 %). Immerhin 19,6 % der Befragten geben an, dass sie Themen ausklammern müssten, 13,4 % müssen Themen "ganz fallen lassen". Interventionen finden rund um die Fotoauswahl und Themenführung statt und passieren beispielsweise über Anrufe, Versuche von Parteisprechern Themen "abzuwürgen" oder getätigte Aussagen abzustreiten bzw. zurückzunehmen.

Was sind heikle Themen in der Berichterstattung?

Religion wird mit 30,6 % als sehr heikles Thema in der Berichterstattung wahrgenommen, Themen mit Gewaltpotenzial folgen mit 28,5 %, danach kommen mit weniger als 20 % Minderheiten, Sexualität und Behinderungen. Politik fällt mit 12,8 % weniger ins Gewicht, 22,3 % sagen, es gäbe für sie keine heiklen Themen. Mehr als 50 % geben an, niemals in einem Spannungsverhältnis zu stehen, weil sie von Seiten der Redaktion über ein bestimmtes Thema berichten hätten müssen, das ihnen persönlich unangenehm gewesen wäre, 38,8 % sagen auf die selbe Frage, dass sie noch nie in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt wurden. Bei 31,0 % ist es wirtschaftlicher Druck, der zu Einschränkungen in der Meinungsfreiheit führt.

Journalisten glauben, dass sie und ihre Kollegen wissen, was die Konsequenzen ihrer Arbeit sein können; das Bewusstsein dafür sei ausgeprägt (64,0 % "ja, eher schon"; 11,6 % "Ja, auf jeden Fall")

50 : 50 für / gegen Mohammed-Karikaturen

Abschließend zur Diskussion rund um die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen gefragt, teilen sich die Journalisten recht eindeutig in zwei Lager. Jeweils ca. die Hälfte der Befragten ist für bzw. gegen die Veröffentlichung bzw. findet diese gut/schlecht. Eine Mehrheit äußert sich hingegen für eine "stärkere Verteidigung der Meinungsfreiheit in Europa und der EU (50,0 % "ja auf jeden Fall", 16,1 % "nein, eher nicht). Auch stimmen die Journalisten Präsident Fischer dahingehend zu, dass "So wie die Freiheit der Kunst Gesetzesvorbehalte kennt und Rücksichtnahme erfordert, das auch für journalistische Freiheit zu gelten habe." Über 60 % sehen keinen Unterschied zwischen einer Karikatur des Papstes und

einer Mohammeds. Das moslemische Bilderverbot lassen knapp 60 % für Nicht-Moslems nicht gelten, hier wollen sich aber auch fast 18 % nicht dazu äußern.

Bei allen gestellten Fragen konnten keine Unterschiede im Erleben zwischen männlichen und weiblichen Redakteuren festgestellt werden.

FACTS

Der Österreichische Journalistenbarometer

Thomas Schwabl, Geschäftsführer von Marketagent dazu: "Der Journalistenbarometer ist aufgrund der unterschiedlichen Fragestellungen der vergangenen Jahre ein hochinteressantes Instrument für uns geworden, mit dem wir den Markt gut einschätzen können, in dem wir uns mit dem Instrument der Meinungsumfragen bewegen."

Stieg der politische Druck, wird die Qualität der Informationen besser oder schlechter, fühlt man sich gut bezahlt, ist es mit dem Zeitdruck besser oder schlechter geworden? Das sind nur einige Fragen, die im Rahmen des Österreichischen Journalistenbarometers erstmals im Herbst 2004 erhoben wurden. Standen 2004 die Arbeitsbedingungen und die Eigeneinschätzung der Journalisten im Vordergrund, so wollte man 2005 Persönliches abfragen.

Die Öffentlichkeit hat von vielen Berufen eine mehr oder weniger deutliche Vorstellung. Und meist eine ausgeprägte Meinung dazu. Nur bei den Journalisten schwankt man zwischen dem Bild von der hässlichen "Journaille" und dem aufs Podest gehobenen, heldenhaften Kriegsberichterstatter. Es besteht also Aufklärungsbedarf über einen der wichtigsten Berufe in einem demokratischen Gemeinwesen.

Weiterführende Informationen, Zahlen und Tabellen entnehmen Sie bitte der beiliegenden digitalen Pressemappe.

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