"Die Presse"-Leitartikel: "Die Kollateralschäden der Gewerkschaftsbank" von Josef Urschitz

Ausgabe vom 23.3.2006

Wien (OTS) - Besser, die Bawag kippt das "System Flöttl/Elsner" jetzt, als sie wird dazu durch US-Ermittlungen gezwungen.

Die drei (miteinander offenbar in Verbindung stehenden) Bawag-Skandale der vergangenen 15 Jahre haben schon einige Kollateralschäden hinterlassen: Die Bank (und damit ihr Eigentümer ÖGB) ist zusammengerechnet um deutlich mehr als eine Milliarde Euro ärmer, dem Finanzminister sind ein paar hundert Millionen an Gewinnsteuern entgangen. Und der neue Bawag-General, der hoch angesehene Finanzwissenschaftler Ewald Nowotny, den der ÖGB offenbar aus dem Rektorat der Wiener Wirtschaftsuniversität an die Bawag-Spitze geholt hat, ohne ihm über die Natur der karibischen Bawag-Schlangengruben reinen Wein einzuschenken, hat möglicherweise seine Zukunftschancen (immerhin als möglicher SP-Finanzminister oder als Notenbankpräsident) dauerhaft beschädigt.
Außer natürlich, es gelingt ihm, gegen den hinhaltenden Widerstand der Gewerkschafter wirklich hart durchzugreifen. Und das hieße, das so genannte "System Flöttl/Elsner" radikal aufzubrechen. Denn die Karibik-Geschäfte, die amerikanischen Firmen-Zerlegungen im Zuge anrüchiger "Pipe"-Geschäfte und die Refco-Sause sind untrennbar mit den Namen der beiden Generaldirektoren verbunden, die die Bank in den Neunzigerjahren als absolute, keinerlei Widerrede duldende Patriarchen geführt haben. Zu den Jasagern, die die beiden Herren umgaben, gehörten offenbar nicht nur Untergebene, sondern auch die Herrschaften vom Aufsichtsrat (überwiegend Top-Gewerkschafter), die nie dumme Fragen gestellt haben und sich auch heute noch völlig ahnungslos geben.
Die Folge: Die beiden konnten mit der Gewerkschaftsbank fuhrwerken, als wäre es ihre eigene Greißlerei. Walter Flöttl beispielsweise konnte seinem Sohn Wolfgang, einem aufstrebenden Wallstreet Banker, der in die Eisenhower-Familie und damit in den "US-Adel" eingeheiratet hatte, einfach so mehr als 20 Milliarden Schilling aus dem "Topf" der Bawag für karibische Geschäfte überlassen. Als die Sache aufflog, wurde Flöttl nicht hinausgeworfen, er musste nur die Karibik-Geschäfte einstellen. Schließlich hatten die karibischen Abenteuer des Sohnes hohe Gewinne gebracht. Offiziell zumindest. Nach dem jüngsten Stand ist das ja nicht mehr sicher. Flöttls Nachfolger, der nicht gerade zurückhaltend auftretende Helmut "Marcel" Elsner, hat die Geschäfte nach kurzer Anstandsfrist schon 1995 wieder aufgenommen und auch die Beteiligung am 2005 unter kriminellen Umständen in die Pleite geschlitterten US-Broker Refco eingefädelt.
Das Ergebnis: Bis zu einer Milliarde Euro karibischer "Miesen", die bilanziell angeblich schon bereinigt sind, und ein unter Elsners Nachfolger eingefädelter dreistelliger Millionenkredit an Ex-Refco-Chef Bennett, den die Bawag nicht mehr wiedersehen wird. Elsner wurde für sein segensreiches Bawag-Wirken mit 3,6 Millionen Euro Pensionsabfindung belohnt. Den 300.000- Euro-pro-Jahr-Job als stellvertretender Lotterien-General durfte er behalten. Von irgendetwas muss man ja leben.
Und das ist eigentlich noch viel skandalöser als die Karibik-Geschäfte selbst. Denn die in der Karibik verzockte Euro-Milliarde wurde ja offenbar, sagt die Bawag, schon seit einigen Jahren stückweise wertberichtigt. Wenn Abschreibungen in dieser Größenordnung dem Aufsichtsrat nicht auffallen, dann sollte er sich ernsthaft Gedanken über seine Qualifikation machen. Wenn aber an der Bilanz vorbeigetrickst wurde, dann wäre das ein Fall für den Staatsanwalt. In beiden Fällen hätten die Bawag-Gremien längst reagieren müssen. Ach ja, hab' ich fast vergessen: Die Gewerkschafter im Aufsichtsrat heißen ja allesamt Hase und wissen von nichts. Sie wurden "überrascht", sagen sie.
Wenn jetzt nicht schnell gehandelt wird, dann könnte es für einige in der Bawag eng werden. Trotz aller Dementis sieht es für manchen Insider nämlich doch ein wenig danach aus, als hätte das unüberschaubare Netz von Offshore-Briefkästen einschließlich einiger Firmen des Ex-Refco-Chefs Bennett auch den Sinn gehabt, Verluste so lange verborgen im Kreis zu schicken, bis man sie unbemerkt irgendwo unterbringen kann. Und als hätte die Refco-Pleite dieses Netz zerrissen.
Wie auch immer: Die Aufklärung der Geschichte soll, so stöhnen manche in der Bawag, auch deshalb so schleppend gehen, weil das "System Elsner" in den Führungsetagen der Bank auch personell noch stark verankert ist und der neue General eher isoliert wirkt. Besser, die Bawag kappt dieses System jetzt und macht Tabula Rasa, als sie wird im Zuge der laufenden Ermittlungen in den USA dazu gezwungen.

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