DER STANDARD-Kommentar: Banker außer Kontrolle - Von Eric Frey

Die Karibik-Affäre der Bawag war durch das Versagen des Eigentümers ÖGB möglich

Wien (OTS) - Die Affäre um den mutmaßlichen Milliardenverlust der Bawag P.S.K. in der Karibik ist in vielen Aspekten das österreichische Gegenstück zum amerikanischen Enron-Skandal. Hier wie dort agierten hoch bezahlte Manager ohne effektive Kontrolle durch ihre Eigentümer, machten mit innovativen, aber riskanten Deals zuerst Riesengewinne - und entwickelten dann, als sich die Verluste auftürmten, immer verwegenere Strategien, um diese zu verstecken.

Der Hauptunterschied zwischen Enron und Bawag liegt darin, dass bei Enron zehntausende Aktionäre - sowie die Mitarbeiter, die Enron-Aktien besaßen - geschädigt wurden, bei der Bawag hingegen "nur" der Gewerkschaftsbund.

Es gab allerdings ein weiteres Enron-Opfer: das Vertrauen in den amerikanischen Aktienmarkt. Es dauerte mehrere Jahre und bedurfte einer massiven Verschärfung der US-Gesetze, um die Investoren wieder davon zu überzeugen, dass das System von Verantwortung und Kontrolle bei börsennotierten Gesellschaften funktioniert. Die neuen Regeln der "Corporate Governance" sind heute der Maßstab, an dem bei uns die Unternehmen gemessen werden.

Was immer bei der Bawag letztlich herauskommt, eines steht außer Zweifel: Die Gewerkschaftsbank ist ein Paradebeispiel für gescheiterte Corporate Governance. Ein selbstbewusster, stets braun gebrannter Generaldirektor hat offenbar jahrelang Geschäfte betrieben, die offiziell nicht mehr hätten stattfinden dürfen und im Widerspruch zur ideologischen Mission der Eigentümer standen. Diese wussten ebenso wenig wie die meisten Aufsichtsräte und ein Teil des Vorstands.

Dass die Karibik-Deals nicht nur moralisch, sondern auch finanziell im Fiasko endeten, war kein Zufall. Wer ohne Kontrolle fuhrwerken darf, verliert nach und nach sein Urteilsvermögen. Doch in der Finanzwelt haben nur jene Erfolg, die ihre Entscheidungen hinterfragen, Fehler eingestehen können und diese rechtzeitig korrigieren.

Helmut Elsner hingegen schien bis zuletzt davon überzeugt, dass er der klügste Banker des Landes sei. So entschied er sich anstelle einer soliden Ostexpansion für Spekulationsgeschäfte, die selbst an der Wall Street als anrüchig gelten. Gleichzeitig lieferte er sich einem Mann wie Refco- Chef Phillip Bennett aus, der heute ebenso im Zwielicht steht wie Enron-Chef Kenneth Lay. Der Schiffbruch war nur eine Frage der Zeit. Die Leichen wurden im sprichwörtlichen Keller vergraben, in dem sie nun durch Zufall wieder aufgetaucht sind.

Indem die ÖGB-Spitze Helmut Elsner blind vertraute, hat sie nach der Konsumpleite das letzte Stück aus ihrer einst reichen Schatztruhe verspielt. Auch dieses Vertrauen war kein Zufall - Fritz Verzetnitsch und sein Finanzchef Günter Weninger verstehen vom Bankgeschäft noch viel weniger als die Enron-Aktionäre vom Energiehandel. Kein Wunder, dass sie sich blenden ließen.

Der neue Bawag-Chef Ewald Nowotny hat nun einen der härtesten Sanierungsfälle der österreichischen Bankengeschichte in der Hand. Nowotny ist intelligent, integer und unbeschädigt. Aber als traditioneller Sozialdemokrat fehlt ihm möglicherweise die Bereitschaft, das Bawag-Übel an der Wurzel zu packen - und das ist die Eigentümerfrage.

Denn der ÖGB wird nie in der Lage sein, seiner Bank jenes Gleichgewicht zwischen Vorsicht und Risikobereitschaft vorzugeben, das für einen Geschäftserfolg unumgänglich ist. Nun werden die Gewerkschafter vor jedem Risiko zurückschrecken, vernünftige Reformen blockieren und so den Wert seiner Beteiligung weiter mindern. Die Folge wäre eine massive Schwächung der Gewerkschaftsbewegung - und damit der Sozialpartnerschaft. Das wäre ein Verlust fürs ganze Land.

Deshalb wäre der ÖGB gut beraten, die Bawag rasch zu verkaufen und den Erlös zur Sanierung der eigenen Finanzen zu verwenden. Als Bankeigentümer ist die Gewerkschaft gescheitert. Wenn sie das nicht einsieht, läuft sie Gefahr, auch als Arbeitnehmervertretung zu versagen.

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