"Begnadete" Regisseure terrorisieren das Publikum

Deutsche Bühnen: Orte von Exzessen. Außer Rand und Band geratenes Regietheater löst nunr Sperrfeuer aus.

Klagenfurt (OTS) - Im Burgtheater läuft Goethes "Torquato Tasso", jenes im Revolutionsjahr 1789 in klarer Verssprache vollendete Spiel um den Widerspruch zwischen poetischem Selbstverständnis und gesellschaftlicher Konvention. Der Regisseur lässt den Titelhelden -welch ein Genieblitz! - im Kopfstand agieren. Zur Verdeutlichung:
Kopf auf dem Boden, Füße in der Höh´. Adäquat zu überflüssiger Artistik verhält sich die Kritik: Da dünnflüssiges Gerade-noch-Lob, dort Verriss. Skandal? Ach nein. Das Publikum "benötigt" ärgere Provokationen, um in Massen davonzulaufen. Es wird, in Deutschland vor allem, von Furzen, Kotzen, Urinieren auf Kruzifixe und dergleichen regelrecht in die Flucht geschlagen.
Regietheater: Im Nachbarland rumort dieser Unsinn besonders heftig; Zuschauer in Österreich kommen mit etwas milderen Belästigungen davon. Das Niveau versinkt zusehends in Schlamm und Kot, verkommt auf Steilwänden, in den Niederungen absurder Trotteleien. An diesem Befund ist ebenso wenig zu rütteln wie an folgender Feststellung: Die als künftiger Burgtheaterchef gehandelte Kärntner Regietheater-Ikone Martin Kusej erfährt grobe Überschätzung!
Der ganze Regietheater-Unfug samt seinen vom Größenwahn erfassten Verfremdungsdespoten hängt selbst belastungsfähigsten Besuchern zum Halse heraus. Daran vermögen selbst eifrigste und willfährigste Claqueure nichts zu ändern.
Werktreue? Auch so ein Begriff von gestern. Wer heute ins Theater geht, um ein bestimmtes Schauspiel zu sehen, sich mit dem Anliegen des Dichters auseinander zu setzen, einen Stoff aus dessen Zeit heraus zu verstehen gedenkt, fällt auf geradezu hinterfotzig angelegte Täuschungsmanöver herein. Zum Glück aber regt sich jenseits des Grabens Widerstand. Die deutsche Bundesregierung eröffnet ein Sperrfeuer, beabsichtigt, Urheberrechtsänderungen zu schaffen. Für entstellende, "unlautere" Regie sollen den sich brüskiert, düpiert, verarscht, missbraucht fühlenden Autoren künftig höhere Honorare zustehen, eine Art Schmerzensgeld.
Die armen Klassiker allerdings können sich gegen Brachialverhunzung nicht wehren. Es gibt keine Tantiemen-Erben, denen das Recht zustände, eine noch so aus der Vorlage gerissene Inszenierung zu verhindern. Julia wird also weiterhin als Discoschlampe auf der Bühne stehen, Wallenstein als schwuler Tankwart, Othello als nigerianischer Freischärler Vergewaltigungsgelüsten nachkommen und Torquato Tasso seine Monologe auf dem Kopf stehend herunterplärren.
Klar, dass der "Deutsche Bühnenverein" gegen die angeführten "Beruhigungsabsichten" der Regierung protestiert. Lebende Dramatiker bzw. die Erben gestorbener Autoren könnten fürderhin jedes Regie-Experiment ersticken, heißt es. Zeichnet sich ein Kompromiss ab? Goethe, Schiller und Co. wird es, wie gesagt, nicht helfen, aber heutigen Stückeschreibern bzw. Verwaltern von Bühnenrechten sehr wohl. Der Streitfall "Tennessee Williams" an der Berliner Volksbühne fand insoferne eine Lösung, als der Titel nunmehr zu lauten hat:
"Endstation Amerika. Bearbeitung von Frank Castorf von ,Endstation Sehnsucht A Streetcar Named Desire von Tennessee Williams". Kein schöner Titel. Aber wenigstens ist er mit Hinweis darauf versehen, dass diverse Ergüsse der "Fäkal-Anarchisten" (Zitat: "Die Zeit") dem Anliegen eines Klassikers der Moderne zuwiderlaufen.

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