"Die Presse" Leitartikel: "Der letzte Europäer dreht bitte das Licht ab" (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 18.2.2006

Wien (OTS) - Gegen das Schrumpfen Europas gibt es kein Rezept. Nur mildernde Maßnahmen, aber die sind nicht populär.
Europa hat seit Mitte der 70er-Jahre zu wenig Babys, um seinen Bevölkerungsstand halten zu können. Darüber hat man zuerst 30 Jahre lang nicht geredet. Dann hat man immerhin die Pensionssysteme notdürftig dieser Entwicklung angepasst. Nun kommt man allmählich drauf, dass nicht nur die Umstellung der Alterspyramide ein Problem ist, sondern schon das in wenigen Jahren beginnende Schrumpfen Europas. Die Schwierigkeiten reichen von der nachlassenden Konsumnachfrage bis zum Mangel an wehrdienstfähigen jungen Leuten. Und die Tatsache, dass gleich nebenan im Mittelmeerraum die Zahl ungestümer junger Leute wächst und wächst, ist da auch nicht sehr gemütlich. Doch das eigentliche Problem liegt darin, dass es keine Lösung gibt.
Denn keiner der klassischen Vorschläge könnte die Geburtenschwäche des Kontinents im notwendigen Maß ändern. Kinderbetreuungseinrichtungen schön und gut, aber warum sind dann die Italiener so gebärmüde, wo dort doch schon 95 Prozent der Dreijährigen in den Kindergarten gehen? Und wenn Kindergeld wirkt, warum gehört Österreich noch zum unteren Durchschnitt in Europa? Und bevor jemand sagt, - aber Frankreich oder Schweden zeigen uns ja vor, dass es doch geht-, sei angemerkt, dass es kein einziges Land in Europa gibt, auch nicht Frankreich oder Schweden, wo das Geburtenniveau für die Erhaltung des Status quo ausreicht.
Dass die Zahl derer, die nie Eltern werden, stark steigt und die Zahl von Familien mit mehr als zwei Kindern stark gesunken ist, beruht zu einem guten Teil auf dem Zugang der Frauen zu höherer Bildung und Berufstätigkeit. Ihn kann und darf man nicht rückgängig machen. Aber wenn Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Karriere allein noch nicht den nötigen Baby-Boom auslösen, muss man sich ernsthaft fragen, ob man die Idee der Familie als Karriere nicht wenigstens aufwerten darf.
Wenn viele ihren Kinderwunsch aufschieben oder auf ein berufsverträgliches Maß reduzieren - warum ermuntert man nicht als Ausgleich mehr Frauen und Männer, den Hauptberuf Mutter oder Vater zu wählen? Das ist nämlich in der modernen Wertehierarchie ganz unten. Was klingt aufregender: ""Ich bin Sachbearbeiter für chinesische Aktienmärkte" - oder: "Ich betreue hauptberuflich unsere vier Kinder"? Aber auch das Steuer- und Pensionssystem haben wenig Verständnis für so was. Außerdem sind hohe Beschäftigungsquoten ein europäisches Muss. Und politisch ist das ohnehin zu heikel, weil irgendwer sofort ruft, hier sollten Frauen an den Herd zurückgezwungen werden.
Bei einem anderen babyhemmenden Faktor sind Politiker von vornherein eher machtlos: dass sich viele - Männer wie Frauen - gerade in einer Zeit der großzügigen Kindergelder, Wohnbeihilfen, Gratisschulen usw. dennoch nicht zutrauen, "jetzt schon" ein Kind zu haben. Nicht mit diesem Partner (mit dem man zwar zusammenlebt, aber keine Familie gründen möchte), nicht bevor man nicht finanziell abgesichert, beruflich voll etabliert ist. Zur Elternrolle gehört nun einmal Risikofreude, aber die scheint immer weniger eine europäische Eigenschaft zu sein. Das dürfte nicht nur, aber auch, ein Phänomen des Glaubensverlustes sein, der sich als grundlegender Mangel an Vertrauen in die Zukunft manifestiert. Und dazu kommt die Auflösung der früher stabileren, aber natürlich auch stark einengenden Normen und Formen des Zusammenlebens. Alles Dinge, die der Tagespolitik weitgehend entzogen sind.

Auch vieles andere, was früher den Kinderreichtum begünstigt hat, ist heute in unserem gesellschaftlichen Gefüge nicht mehr vorgesehen: vom stabilen lebenslangen Arbeitsplatz bis hin zu Großmüttern mit viel Zeit zum Mithelfen. Und vieles davon kommt auch nicht mehr so bald wieder. Das europäische Modell der Postmoderne ist mit Babyboom offenbar nicht kompatibel. Die dringlichste Aufgabe der Politik muss es daher sein, nüchtern zu konstatieren, dass unsere fehlenden Kinder von außerhalb kommen werden. Dass es also nicht darum geht, ob man Zuwanderung zulässt oder nicht, sondern nur noch darum, wie man sie gestaltet. Und wie man den Einheimischen klar macht, dass sie ihre kulturelle Zukunft nicht mehr allein in der Hand haben. Und spätestens jetzt wird dem letzten Leser klar, wieso das Thema Kinderschwund so lange negiert und dann auf Betreuungsplatz- und Kindergeld-Nebenschauplätzen abgehandelt wurde.

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