"Kleine Zeitung" Kommentar: "Den Serben ist das schwere Erbe von Milosevic nicht klar" (Von Christian Wehrschütz)

Ausgabe vom 15.03.2006

Graz (OTS) - Land auf, Land ab befassen sich derzeit in Serbien Medien und Politiker mit dem, was sie am besten können: dem Aufbau und der Verbreitung neuer Legenden und Verschwörungstheorien. Stimmen von Ärzten aus Den Haag, wonach Slobodan Milosevic durch Einnahme eines falschen Medikaments möglicherweise selbst seinen Tod verschuldet hat, gehen in Belgrad unter. Hier ist klar, dass das Haager Tribunal am Tod des mutmaßlichen Kriegsverbrechers schuld ist. Diese Meinung vertritt auch der reformorientierte Präsident Boris Tadic, der so mit den nationalistischen Wölfen heult.

Am Mythos wird eifrig gebaut, ein Fundament ist vorhanden. Nur wenige Medien haben zuletzt auf seine katastrophale Herrschaft auch für Serbien hingewiesen. Die Serben daran ständig zu erinnern, haben alle Regierungen der Nach-Milosevic-Ära versäumt. Kein Wunder, dass jeder fünfte seinen "Slobo" als Helden sieht, der nun in einer Zelle sein Leben für Serbien gegeben hat. Angesichts dieser Stimmung und des Todes des Haupt- aber nicht Alleinschuldigen an der jugoslawischen Tragödie, wird es nun noch schwerer, klar zu machen, welches Erbe Milosevic hinterlassen hat.

Das kleinste Großserbien, das es je gab, wird 2006 unter enormen Geburtswehen geboren. Kosovo und Montenegro dürften unabhängig werden, in Den Haag wird über die Klage Bosniens gegen Serbien wegen Völkermord verhandelt, und die Frist zur Auslieferung von Ratko Mladic läuft ab. Ist der mutmaßliche Urheber des Massakers von Srebrenica bis dahin nicht in Den Haag, wird Brüssel Verhandlungen über eine EU-Annäherung aussetzen. Hinzu kommen die triste wirtschaftliche und soziale Lage und das verbreitete Gefühl, keine Perspektive zu haben. Dafür besitzt Serbien mit Vojislav Kostunica einen Premier, der die nationalistischen Geister, die er im Machtkampf mit Zoran Djinjidc weckte, nicht mehr los wird. Die Ultranationalisten erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Ihre Strategie ist es, die Regierung so lange im Amt zu belassen, bis der Fall Mladic gelöst und der Kosovo verloren ist.

Der Plan hat gute Chancen auf Erfolg. Zwar ist Serbien nicht mehr in der Lage, Krieg zu führen, doch weitere Jahre könnten verloren gehen. Denn angesichts der Sozialisation unter Milosevic fallen Verschwörungstheorien bei den Jungen auf fruchtbaren Boden. Serbiens Reformen haben an Elan verloren; der Weg zu Wohlstand und EU wird steinig, weil drei Jahre nach der Ermordung von Djindjic von dessen europäischem Geist nur noch wenig übrig ist.****

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