Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Ein starker Abgang

Wien (OTS) - "Wenn wir allerdings die Welt betrachten, werden wir feststellen, dass es immer die Moslems sind, die in Elend und Unterdrückung leben." So kommentierte Ägyptens Staatspräsident Hosni Mubarak in Wien den Karikaturen-Streit. Ein ziemlich merkwürdiger Satz. Aus mehreren Gründen:
Erstens: Was haben Elend und Unterdrückung mit den Karikaturen zu tun? Zweitens: Es leben auch noch Hunderte Millionen Menschen anderer Glaubensbekenntnisse im Elend. Drittens: Elend und Unterdrückung in der islamischen Welt haben wohl primär etwas mit Mubarak selbst und den anderen islamischen Diktatoren und Quasi-Diktatoren zu tun. Und viertens ist die Kolonialzeit, wo der Westen an allem schuld war, schon lange zu Ende. Als Sündenböcke am - viel größeren - heutigen Elend in der Dritten und islamischen Welt ist er daher wenig geeignet.
Solange die dortigen Regime nicht die eigene Schuld an Elend und Unterdrückung zugeben und daraus die richtigen Konsequenzen ziehen (bessere Verwaltung und weniger Korruption), werden Elend und Unterdrückung noch lange weitergehen.

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Auch ein Slobodan Milosevic hat seinem Land Elend und Unterdrückung beschert. Zu schlechter Letzt inszenierte er offenbar sein eigenes Ende, als er keine realistische Chance mehr auf ein Ende seiner Haft sah. Jedenfalls sorgt auch noch sein Tod für Rätselraten und neue Verschwörungstheorien in Serbien. Für einen Milosevic ist das wohl das Wunschszenario seines Abgangs gewesen.
Ansonsten bleibt der Lebenslauf eines Kommunisten, der sich zynisch in den Nationalismus geflüchtet hat, als das Kartenhaus des abgewirtschafteten "Selbstverwaltungs-Sozialismus" zusammengebrochen ist (von dem übrigens hierzulande noch lange danach sogenannte Progressive träumten). Und hätten nicht die Amerikaner mehrmals eingegriffen, wären Milosevic wohl noch ein paar Hunderttausende mehr zum Opfer gefallen. Ist es angesichts einer solchen Lebensbilanz eigentlich noch sehr wichtig, wie der Mann zu Tode gekommen ist?

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