Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Die Blitzeschleuderer

Die juristischen und politischen Funken ergäben so viel Energie wie ein ganzes Kraftwerk: Der österreichische Stromkrieg hat seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. Seine einzelnen Etappen könnten gleich in mehrere Lehrbücher eingehen.

Erstens ist er ein Exempel für die hohen Kosten des Föderalismus. Denn ein Hauptmotiv des Kriegs ist der Machtkampf der großen Bundesländer untereinander und gegen den Bund. Sie wollen mit ihren Stromversorgungs-Firmen weiterhin dicke Monopol-Gewinne machen (und diese politisch nutzen). Sie wollen überdies möglichst große Stücke von der einzig wirklich fetten Beute an sich reißen, nämlich von der Verbundgesellschaft mit ihren vielen produktiven Wasserkraftwerken. Sie sind auch - trotz Parteifreundschaft - untereinander zerstritten (etwa Nieder- und Oberösterreich).
Zweitens gehört der Zwist in ein Lehrbuch des Aktienrechts: Im Verbund kämpfen Vorstand, Eigentümer und Aufsichtsrat penibel um jeden Millimeter Macht. Zwar gehört die Mehrheit am Verbund der Republik, aber es gibt auch genug kleine Aktienbesitzer, die sich rechtlich wehren können, wenn man sie bei einem politischen Deal (etwa zugunsten der Länder) über den Tisch ziehen will.

Das dritte elektrisch aufgeladene Lehrbuch ist eines der Marktwirtschaft in einem sich bildenden Europa. Soll Österreich möglichst alle Stromenergien in einer Firma zusammenführen, um auf dem europäischen Markt zu reüssieren? Oder ist es nicht eher im Interesse der Konsumenten (von der Industrie bis zu den Haushalten), wenn es möglichst viel Wettbewerb gibt? Denn wenn nur einer den Markt dominiert, werden die Preise automatisch steigen. Außerdem ist es noch völlig unklar, ob sich in der EU die Vernünftigen durchsetzen werden, die wirklich einen einheitlichen, aber wettbewerbsorientierten europäischen Strommarkt wollen. Denn gerade mit dem Stromgeschäft sind sehr viel Macht, Geld und Politik verbunden.

Wir werden daher noch viele elektrisierende Kämpfe unter den blitzeschleudernden Giganten sehen können - und dafür zahlen müssen.

http:/www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001