"Kleine Zeitung" Kommentar: "Hollywood und seine Kunden auf der politischen Schulbank" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 07.03.2006

Graz (OTS) - Wohl selten zuvor hat eine Oscar-Nacht die Geister so geschieden wie die heurige. Da fanden die einen den neuen Moderator Jon Stewart viel zu zahm. Andere wiederum rühmten seinen Witz und Esprit. Aber das mag man als Geschmacksfrage abhaken.

Erstaunlicher ist, dass auch die Beurteilung der prämierten Filmtitel auf geteilte Meinungen stößt. Selten zuvor hat die Academy-Jury ihre Gunst so gleichmäßig auf so viele engagierte Movies verteilt.

"L. A. Crash" beleuchtet den mancherorts noch immer alltäglichen Rassismus in den USA. "Brokeback Mountain" schildert in stiller Intensität die unmögliche Liebe zweier Cowboys zueinander. "Der ewige Gärtner" befasst sich mit üblen Machenschaften der Pharmaforschung in Afrika. "Syriana" beleuchtet die finsteren Umtriebe der CIA im Nahen Osten. Und Robert Altman, mit dem Lebens-Oscar bedacht, ist ein Altmeister des kritischen US-Kinos.

Man muss bedenken, auf welcher Veranstaltung man hier ist: Noch 1997 hatte das Eisberg-Epos "Titanic" allein elf der 24 Oscars abgeräumt. Zuvor waren es Spektakel wie "Ben Hur" oder "Herr der Ringe", die diesen Bewerb erdrückend dominierten.

Film und Fernsehen hatten seit ihrer Erfindung, anders als in Europa, stets einen enormen Einfluss auf das reale Leben in den Vereinigten Staaten. Der Wissenschafter und Autor Umberto Eco schrieb in einem Essay sinngemäß, die meisten Amerikaner fänden erst im Umweg über mediale Fiktion den Weg ins wirkliche Sein. Und erst die massenhafte Reproduktion eines Bildes schärfe das allgemeine Verlangen nach dem Original.

Man darf davon ausgehen, dass die genialen Hungerleider-Klamotten Charlie Chaplins mehr Verständnis für das damalige Elend der Arbeiterklasse geschaffen haben als härteste Gewerkschaftsarbeit.

Dass die Mehrheit der Amerikaner ihren Geheimdiensten nicht so recht über den Weg traut, wird eher auf Filme wie "Missing" oder "Drei Tage des Condors" zurückzuführen sein als auf Leitartikel in der "New York Times".

"Wer die Nachtigall stört" oder "Mississippi Burning" haben jeweils breite Diskussionen über Rassismus ausgelöst. Und vermutlich werden auch die unfassbaren Fehlleistungen in New Orleans in den Tagen des Hurrikans erst wirklich politische Sprengkraft gewinnen, wenn die Hollywood-Version davon in die Schulen, Pardon: Kinos, kommt.

In diesem Umfeld gebührt der heurigen Jury beinahe ein Oscar für politische Bildung. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001