Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Vertrauens-Verkäufer

Im Wahlkampf hatte die SPD sie mit moralischer Klassenkampf-Entrüstung zum Hauptfeind erkoren: die Hedge Fonds, also jene spekulativen Geldanlage-Formen, die sich aufgrund ihrer internationalen Struktur dem Zugriff der Politik entziehen, was Anlegern bisweilen tolle Gewinne beschert (bisweilen aber auch das Gegenteil). Nun kommt SPD-Wahlkämpfer Gerhard Schröder nach Wien - um für einen Hedge Fonds einen Vortrag zu halten.
Gewiss: Schröder ist Rentner, er kann als Privatmann tun, was er will. Und er tut und will, wenn das Honorar stimmt. Dieses Vorher-Nachher ist bedrückend: Warum verhöhnen Politiker - besonders die mit dem großen Gutmensch-Pathos - immer öfter das letzte Vertrauen der Bürger? Ohne Vertrauen ist aber auch die Demokratie kaputt.

*

Das Vertrauen in unser Gesellschaftssystem wird bald auch bei den Osteuropäern kaputt gehen, macht die Bank Burgenland Schule. Immerhin kaufen Österreicher derzeit im Osten reihum fast alles auf. Da ist man der Ukraine bessere Erklärungen als die derzeit offerierten schuldig, wenn eine ihre Firmen daran gehindert wird, einmal umgekehrt als klarer Bestbieter den Zuschlag beim Kauf einer österreichischen Bank zu bekommen. Oder steht die Ukraine als ganze unter Kriminalitätsverdacht?

*

Auch die Wissenschaft arbeitet am Verlust des Vertrauens - in sie. Vielleicht hätte Anton Zeilinger die Übernahme eines hohen Ordens des Landes Wien doch ein wenig verschieben sollen, auch wenn die Nähe zur Causa Gugging sicher rein zufällig ist. Viel mehr aber schadet dem Ruf der Wissenschafter, wenn etliche die Standort-Frage Gugging versus Aspern zu einer wissenschaftlichen erheben - ohne auch nur annähernd erklären zu können, wo der wissenschaftliche Unterschied zwischen den beiden Standorten liegt, außer in sechs Minuten Fahrzeit-Einsparung und etlichen Millionen Euro, die der angeblich "wissenschaftliche" Standort teurer wäre. Was man nicht begründen kann, darüber soll man besser schweigen.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001