"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Volk von Hysterikern?" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 05.03.3006

Graz (OTS) - Wie rasch doch die Themen wechseln! Am vergangenen Wochenende war Österreich hin und her gerissen zwischen dem Jubel über die Medaillen bei den Olympischen Spielen in Turin und der Empörung über die Doping-Razzia im Quartier der Langläufer. Einige Tage später sind die Ereignisse fast vergessen: Man streitet über die Glückwunschinserate der Regierung und debattiert den Bruch der Chianti-Koalition in Kärnten.

Es ist zwar nicht neu, aber immer wieder erstaunlich, wie rasch die Erregungsmaschine auf Hochtouren kommt. Als einige Funktionäre des Schiverbandes sich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedienten, um gegen die Dopingfahnder zu Feld zu ziehen, wurden flugs traumatische Erlebnisse aus Politik und Sport als Beweis zitiert, dass die Österreicher ein Volk von Hysterikern wären.

Am ehesten stimmte noch der Vergleich mit den Olympischen Spielen in Sapporo, von denen Karl Schranz wegen des Verstoßes gegen den Amateurparagraphen ausgeschlossen wurde. Das war 1972. Schranz wurde bei seiner erzwungenen Heimkehr ein triumphaler Empfang bereitet. Das Volk war aufgewiegelt gegen die olympischen Sittenwächter. Heute lacht man über die Vorwürfe. Es war eine exemplarische Strafaktion, die den Provokateur traf: Schranz war nicht der einzige Sportler, der gegen das Reinheitsgebot verstieß. Er tat es aber am aufreizendsten.

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, weshalb es kühn war, die Dopingaffäre mit dem Fall Waldheim und den EU-Sanktionen gleichzusetzen. Es gibt mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Gewisse Parallelen sind aber aufschlussreich: Sowohl im Fall Waldheim als auch bei den EU-Sanktionen waren die Vorwürfe maßlos übertrieben und hielten der nachträglichen Prüfung nicht stand, doch wurden sie von einem Teil der Öffentlichkeit in Österreich für wahr und richtig gehalten und sogar noch verstärkt. Ähnliches war auch in der Doping-Affäre zu beobachten, als sich Regierungsvertreter reflexartig hinter die Sportfunktionäre stellten, ohne zu fragen, was an den Vorwürfen dran ist. Damit wurde ein Problem zum Politikum, das mit Politik wenig zu tun hat.

Ein Fortschritt ist, dass sich die Erregung wieder so rasch gelegt hat, wie sie entstanden ist. Ausgestanden ist die Affäre damit allerdings nicht. Sie kann auch nur in Sachlichkeit und Ruhe gelöst werden, wenn die italienischen Behörden und die olympischen Kommissionen rasch Klarheit schaffen und die Fakten auf den Tisch legen. Gerüchte sind Gift. Heldensagen und Dolchstoßlegenden entstehen im Dunkeln. So weit darf es nicht kommen. ****

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