"Kleine Zeitung" Kommentar: "Für den ,Bachelor (FH)' gibt es in Europa keinen Bedarf" (von Norbert Swoboda)

Ausgabe vom 03.03.2006

Graz (OTS) - Wenn Kleider Leute machen, dann trifft dies für Titel erst recht zu. Besonders in Österreich, in dem man sich kaum ohne Titelbeifügung grüßen kann: Vom privatimen "Servus, Herr Doktor" bis hin zur respektvollen Anrede "sehr geehrte Frau Professor".

Kein Wunder, dass sich die Fachhochschul-Abgänger neue Kleider zulegen wollen. Die Titel "Bachelor (FH)" und "Master (FH)" sind unschöne Wortungetüme - noch dazu englisch und deutsch gemischt.

Dass die Politik diesem Wunsch einhellig entsprochen hat, ist deshalb vernünftig.

Abgesehen von der puren Höflichkeit gibt es auch andere Gründe, die akademischen Titel zu vereinheitlichen. Es wimmeln bereits so viele Kürzel vor und hinter dem Namen, dass nicht nur der Laie längst den Überblick verloren hat.

Das wesentlichste Argument - und letztlich das einzige, das wirklich zählen darf - ist die Vergleichbarkeit der Fächer.

Wenn die international vergleichbaren Bachelor-Studien an den Fachhochschulen den Bachelor-Studien der Universitäten gleichwertig sind, ist eben auch derselbe Titel gerechtfertigt. Aber nur dort.

Formal gibt es bei Bachelor- und Master-Studien kaum Debatten: Sie sind gleich lang, auch Fleiß, Talent und Durchhaltevermögen werden ähnlich gefordert. Und: Jeder in Europa kennt diese Titel.

Dennoch setzt hier die Kritik - nicht nur - der Unis an. Sie monieren, dass es unterschiedliche Ausbildungskonzepte gibt. An den Fachhochschulen lehre man stark bedarfs- und berufsorientiert, es gebe wenig Forschung und das System sei verschult - eine Art Oberstufe nach der AHS-Oberstufe.

Anders an den Unis: Dort arbeite der Student selbstständiger und beschäftige sich tiefer mit den Grundlagen. Diese Uni-Grade sind die ersten Sprossen auf der Leiter hinauf zum Wissenschaftler.

Wenn heute auf jeder Zahnpasta-Tube gekennzeichnet ist, was sie enthält, sei es nur recht und billig, dies bei akademischen Titeln zu tun.

Das könnte Österreich für sich auch tun. In unserem Titelfundus muss man nur kurz wühlen und kann rasch neue Bezeichnungen finden.

Sehr sinnvoll wäre das aber nicht. Die obigen Unterschiede spielen am Arbeitsmarkt eine geringe Rolle oder werden beim Bewerbungsgespräch ausgelotet.

Europa geht zu Recht einen anderen Weg: Studien - und damit Titel -sollen international vergleichbar und konkurrenzfähig werden. Für lokale Zusätze hinter dem Titel ist in dem gemeinsamen Arbeitsmarkt kein Bedarf. ****

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