Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Die bösen Männer

Wien (OTS) - Schon wieder ein böser frauenfeindlicher Skandal! Entsetzensrufe aus dem ÖGB und der Arbeiterkammer gellen durchs Land. Der Skandal besteht darin, dass die diskutierte Schwerarbeiterregelung praktisch nur Männern zugute kommt. Das beklagen nicht nur ÖGB und Arbeiterkammer, das wäre tatsächlich so, falls die Schwerarbeiterregelung eines Tages Gesetz werden sollte. Was angesichts der vielen Ungereimtheiten allerdings durchaus fraglich ist. Denn die Regelung ist bürokratisch; sie dürfte viele Gleichheits-Verletzungen vor den Verfassungsgerichtshof bringen (zum Beispiel wird jeder Kenner des Bundesheers unter Eid bestätigen können, dass die meisten Berufstätigen in höherem Ausmaß Schwerarbeit leisten als Berufssoldaten); und sie ist auch eine Subvention an jene Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter wirklich schwer arbeiten lassen (die Firmen können diese Arbeitskräfte in die Frühpension entsorgen, statt mit höheren Beiträgen eine frühere Pension jener Mitarbeiter finanzieren zu müssen, von deren schwerer Arbeit sie profitieren).

Dennoch sind die Schreckensrufe aus dem ÖGB absurd. Die geplante Regelung ist nämlich eines sicher nicht: eine Diskriminierung der Frauen. Denn in Wahrheit reduziert sie lediglich ein auf Jahrzehnte durch eine verfassungsrechtliche Ausnahmebestimmung eingemauertes gleichheitswidriges Privileg aller Frauen, auch der kinderlosen: das Recht, fünf Jahre früher in Pension gehen zu können. Nun sollen auch einige zu Schwerarbeitern erklärte Männer ohne große Verluste schon vor dem 65. Lebensjahr Pensionist werden können. Mit anderen Worten:
Für ÖGB und Arbeiterkammer ist es offenbar schon eine neue Diskriminierung, wenn andere ein wenig an einem (unangetastet bleibenden) Privileg partizipieren dürfen.

Gewiss kann man einwenden: Beide Vereine tun sich ja selbst nichts Gutes, wenn sie in ihrer Manie des ständigen Forderns und Jammerns schon so seltsam argumentieren müssen. Sie tun aber auch den Frauen nichts Gutes, wenn sie deren Anliegen so augenscheinlich die Glaubwürdigkeit nehmen.

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