"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wie Fehler durch noch größere Fehler 'korrigiert' werden" (Von Michael Wrase)

Ausgabe vom 25.02.2006

Graz (OTS) - Der Irak kann erst einmal aufatmen. Durch eine Ausweitung der nächtlichen Ausgangssperre konnte die Gewalt ein wenig eingedämmt, der Ausbruch eines Bürgerkrieges vorerst verhindert werden. Dazu beigetragen haben auch die geistlichen Führer der Schiiten und Sunniten. Ihre Appelle an die Vernunft wurden fast überall befolgt. In einigen Städten gingen Schiiten und Sunniten sogar gemeinsam auf die Straßen: "Nein zu Amerika, nein zum Terrorismus!"

Die eingängige Losung kam aus Teheran - und fiel nicht nur im Irak auf fruchtbaren Boden. Auch im Libanon und in Bahrain machten hunderttausende die USA für die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Zweistromland verantwortlich. Mit den Amerikanern, argumentieren nicht nur die Mullahs, seien die Terroristen gekommen. Und nach einem amerikanischen Abzug würden auch die Terroristen verschwinden.

Es sind tatsächlich die Amerikaner, die mit ihrer vor drei Jahren gestarteten Invasion für die fast ausweglose Lage im Irak verantwortlich sind. Ihre Strategie war vom ersten Tag an Stückwerk. "Sie machen einen Fehler", klagt ein irakischer Regierungsvertreter, "und dann versuchen sie, ihn zu korrigieren, indem sie einen noch größeren Fehler machen."

"Wir überfielen den Irak", schrieb der amerikanische Ex-Diplomat und Hochschulprofessor Peter Galbraith vor einigen Monaten in der "New York Review of Books", "um uns gegen nicht mehr vorhandene Massenvernichtungswaffen zu schützen und Demokratie zu verbreiten. Dadurch brachten wir in Bagdad die schiitischen Verbündeten des Iran an die Macht, die jederzeit in der Lage sind, einen Aufstand gegen unsere Truppen zu entfachen, gegen den unsere gegenwärtigen Probleme mit den Sunniten unbedeutend wären."

Galbraith sieht sein Land als "Geisel der Iraner im Irak". Die USA verfügten deshalb "weder über militärische noch politische Optionen, um sich mit dem iranischen Nukleardossier zu befassen". In Teheran dürfte man diese Einschätzung teilen. Die Regierenden im Iran sehen die Zeit auf ihrer Seite. Die Amerikaner sind dagegen zum Handeln gezwungen.

Zum Abbau von Spannungen im Zweistromland könnte ein Dialog zwischen Washington und Teheran beitragen. Wenn die am Rande eines Bürgerkrieges stehenden Sunniten und Schiiten an einem Strang ziehen und ihre Spannungen überwinden, dann müssen dies auch die direkt oder indirekt am Konflikt beteiligten Staaten tun. Anzeichen dafür gibt es leider nicht. Damit schwinden die Chancen auf Frieden. Nicht nur im Irak. ****

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