DER STANDARD-Kommentar: Der permanente Opernball - Von Gerfried Sperl

Wie die österreichische Bussi-Bussi-Gesellschaft den Sport ins Zwielicht treibt

Wien (OTS) - Überall Gold, von Olympia bis zum 50. Opernball. Bei den Spielen noch nie so viel wie diesmal. Das ist der schöne Schein dieses Winters. Doch die Sonne wirft außergewöhnlich viele Schatten. Von Turin übrig bleiben werden nicht so sehr die Erfolge (hoffentlich "sauberer" Athleten), sondern das Faktum: Der ÖSV und das ÖOC haben aus dem Blutdopingskandal von Salt Lake City keine Konsequenzen gezogen. Es wurde munter weitertherapiert und die bereits vor einer Woche geäußerte These unterstützt, dass man Doping im Grund für ein Kavaliersdelikt hält.

"Was heißt Verantwortung," sagte die ehemalige Spitzensportlerin und jetzige Innenministerin Liese Prokop im Fernsehen, gefragt, ob jemand "aus Verantwortung" zurücktreten müsse. Es wurde nicht nachgehakt. Dieses Verhalten der Politikerin fügt sich ins politische Laissez-faire Österreichs und speziell in die Misere des Sportjournalismus im Lindner-ORF.

Lopatka, Darabos und Co wünschen sich sicher insgeheim auch für die politische Berichterstattung Journalisten dieses Zuschnitts. Richtige Wettkampfreporter mit Hoppauf-Parolen und Folklore-Touch.

In Fachmedien hat dieser Prozess bereits voll eingesetzt. Fachlich "angesehene" und als effizient eingestufte Funktionäre verbieten kritischen Journalismus und degradieren die letzten respektablen Magazine dieser Art zu stilistisch zwar hochgemotzten, inhaltlich aber weniger interessanten Service- und Verbandsmagazinen.

Der Sport ist ein Millionenspiel, wirkliche Kontrolle daher nicht erwünscht. Dass viel Schwarzgeld im Fußball läuft, Funktionäre gleichzeitig Werbefirmen betreiben, die auch politische Aufträge haben, ist bekannt - wird aber nicht problematisiert. Manches davon hat Mafia-Charakter, aber solange niemand umgebracht wird, werden die Gerichte nur im Fall von Unterschlagungen tätig wie in der Causa des Innsbrucker Fußballs.

Dass jetzt ausgerechnet ein Eishockey-Funktionär mit der Leitung einer Doping-Untersuchungskommission betraut werden soll, ist ein Treppenwitz. Nur eine internationale U-Richter-Gruppe könnte hier für Ergebnisse sorgen.

ÖOC, ÖSV und ORF sind Teil der österreichischen Bussi-Bussi-Gesellschaft, durchsetzt von ÖVP- und SPÖ- Wahlhelfern. Ein permanenter Opernball. Schauplatz der Anbahnungen.

Bis hin zur Heirats- und Grundstückspolitik. Aber warum sollen die Herrschenden anders sein als die darin geübten Habsburger in anderen Zeiten? Manches in der Geschichte wiederholt sich mit geänderten Methoden und Kulissen. Früher einmal hat man Länder militärisch erobert. Von Strategie sprach man, vor allem ging es um wirtschaftliche Gründe. Heute kaufen mächtige Unternehmer ganze Bergketten. Die Politik kann sich dann immer seltener durchsetzen. Beispiel: Innsbruck gegen Schröcksnadel, der verhindern wollte, dass die weltbekannte Architektin Zaha Hadid, die Gewinnerin des international ausgeschriebenen Wettbewerbs, die Berg- Isel-Schanze baute. Er hätte da jemand anderen gewusst.

Österreich ist ein kleines Land und muss bei den Großen mitspielen. Das tun wir mit Talent, Arbeit und Erfolg - zum Beispiel im Skisport. All das aber kann man binnen Kurzem zunichte machen, wenn Schweinereien toleriert werden - und wenn Spitzenfunktionäre glauben, Bussi- Bussi und Wolfi-Wolfi gilt über die Landesgrenzen hinaus. Da hat man sich gehörig geschnitten.

Natürlich gilt, dass man zunächst alle österreichischen Bestimmungen ernst nimmt, bevor man schärfere Gesetze beschließt. Aber es funktioniert ja beides nicht. Laut praktizierter Alpenkonvention gilt auch weiterhin der Grundsatz: Haube auf und warten, bis sich der Sturm gelegt hat.

Irgendwo im Hintergrund bastelt sicher schon wieder jemand an neuen Instrumenten und glaubt, er wird nicht erwischt. Begabte Kriminelle agieren so. Die derzeitige Führung des ÖSV hat diese Sachlage schon einmal ignoriert.

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